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Von der alten Karre zum Rennauto

Als Mary meinen Opel Adam mit dem #imländle-Schriftzug beklebt, ahne ich nicht, wie groß ihre Leidenschaft für Autos ist. Ich sehe eine junge Frau, die augenscheinlich Spaß an ihrem Job hat und meinen Neuen schick macht. That’s it. Am Abend danach bekomme ich eine Facebook-Freundschaftsanfrage von Mary M-Sport. Ich staune nicht schlecht, als ich ihr Profilbild sehe.

Da hockt die junge Frau mit den ellenlangen, engelsblonden Haaren in einem giftgrünen Rennauto und grinst mich stolz an.

„Was tut die da?“, frage ich erst mich und wenige Tage später Mary selbst, als ich sie im Autohaus besuche. Wir sitzen im Vesperraum hinter der Werkstatt am Tisch.
„Ein Faibel für Autos hab ich, seit ich denken kann“, sagt die 26-jährige Hechingerin. Genauso lange fährt ihre Familie Opel, und schon ihr Dad schraubte immer gerne an Autos. Als junges Mädel hängt sie mit ihm in der Werkstatt ab und schaut ihm bei der Arbeit über die Schulter.

Sie träumt davon, eines Tages selbst ein Auto auseinanderzunehmen und es wieder aufzubauen.

Die Jahre ziehen ins Land. Mary wird erwachsen. 2009 beginnt sie beim Opel Auto-Team in Balingen eine Lehre als Bürokauffrau – endlich nah dran und nie weit weg von der nächsten Hebebühne. Irgendwann zwischen Werkstattpraktikum und Bürokram erzählt sie den Kollegen von ihrem Jugendtraum. KFZ-Meister Jochen hört davon und sieht, wie geschickt sich die Lady bei der Arbeit anstellt. „In Endingen steht ein alter Astra F, hast Bock, den zu kaufen und aufzubauen?“, fragt er sie. Mary staunt nicht schlecht. Damit hat sie nicht gerechnet. Kann ihr Traum wahr werden? Zweifel kommen auf. Ihr fehlt das Know-how, das Geld, und überhaupt hat sie doch keine Ahnung. Jochen sieht das relaxt, er glaubt an die junge Frau.

Schließlich kauft Mary die Karre für dreihundert Euro.

„Als unser Chef grünes Licht gab und mein Auto in der Werkstatt stand, wurde mir klar, wie geil es ist, wenn Träume wahr werden“, sagt Mary und lacht.
Jochen gibt ihr immer wieder neue Aufgaben und begleitet Mary und den Astra auf dem Weg von 60 PS zu 150 PS. Mit jedem Handgriff lernt Mary Neues dazu. Aus Grau wird Grün, aus der alten Karre ein Rennauto. Knapp zwei Jahre, viele Feierabendstunden und noch mehr Urlaubsgeld gehen bei der Aufpimperei drauf. Irgendwann ist das Baby fertig. Jochen macht den letzten Grundcheck und bringt den Astra sicher durch den TÜV.

Hier könnte die Geschichte enden, wäre Jochen nicht seit über 20 Jahren erfolgreicher Hobbyrennfahrer.

2013 fällt sein Co-Pilot bei der Grabfeld Rally aus. Ratet mal, wer bei diesem Rennen als BeifahrerIN dabei ist: unsere Mary. Wer einmal Blut leckt, kommt nicht mehr davon weg, erzählt sie mir und ich stelle mir bildlich vor, wie der KFZ-Meister und die Bürokauffrau ihre Runden drehen. Zwei Jahre später geht Mary mit ihrem Astra bei der Rally Calw ins Rennen. Co-Pilot ist ihre Schwester. Auf die Frage, ob die Schwester damals mit dem Autofieber infiziert war, sagt Mary: „Nein, sie hatte nichts damit am Hut. Aber wir gehen gemeinsam durch dick und dünn. Kannst dir ja vorstellen, was für ein Hammergefühl das war, als Sister Act mein erstes Rennen zu fahren.“ Sie lächelt und ergänzt: „Ich war tierisch aufgeregt. Konnte eine Woche davor nichts essen, geschweige denn schlafen. Als wir in meinem Astra saßen, war alles vergessen und wir heizten über den Asphalt. Ein Damenteam ist etwas Besonders, das gibt’s nicht oft.“
Während Mary erzählt, schweift mein Blick durch den Vesperraum, vorbei am schwarzen Ledersofa über die weiße Wand bis hin zum Pin-up-Kalender, der schräg über der Couch hängt. Mit noch schrägerem Blick blinzelt mir eine Blondine mit nacktem Busen entgegen.

„Rennsport ist eine Männerdomäne, oder?“, frage ich und Mary nickt.

„Viele der Jungs stehen hinter mir. Die finden gut, was ich mache. Aber natürlich gibt’s auch im Rennsport andere Kaliber. Die klassischen Klischeesprüche kann ich auswendig.“
„Wie gehst du damit um?“, will ich wissen.
„Während der Aufbauphase gab’s Zeiten, in denen ich am liebsten alles hingeschmissen hätte. Es läuft eben nicht immer nach Plan und oft nicht rund. Die Herren der Machoschöpfung haben den Trotzkopf in mir geweckt. Denen wollte ich es zeigen und darum machte ich nach jedem Tiefschlag weiter.“
Das ist eine Ansage! Ich freue mich für Mary. An dieser Stelle von meiner Seite ein fettes Dankeschön an die Sprücheklopfer. Wer weiß, ob ohne euch das Frauenpower-Astraprojekt je fertig geworden wäre.
Mary erzählt, dass es selbst heute noch die Blicke mit dem großen Fragezeichen gibt. „Einmal war ich im Schwarzwald als Taxi-Rennfahrerin unterwegs. Da können Zuschauer bei den Rennfahrern gegen Bezahlung auf der Strecke mitfahren. Als ich in den Astra einstieg, saß mein Besucher bereits auf dem Beifahrersitz. Der ist voll erschrocken und sagte, wenn er gewusst hätte, dass eine Frau am Steuer sitzt, wäre er lieber ein Bier trinken gegangen.“
Sehr charmant.
Mary erzählt weiter: „Ich hab gelacht und gesagt, er soll einfach abwarten. Wir drehten unsere Runden, der Typ strahlte und ließ sogar einen lauten Schrei los, als wir über die Ziellinie fuhren. Ich glaub, er hatte Spaß.“
Jetzt grinsen wir beide.

Wenn Mary Rally fährt, geht es ihr weniger um den Sieg als darum, das Autofahren zu genießen.

Ihr Traum war es, ein Auto aufzubauen. Sie hat nie damit gerechnet, dass sie mit ihrem Astra bei Rallyes mitfahren würde. Auf die Frage, was ihr an ihrem Hobby am meisten gefällt, antwortet sie: „Es geht mir nicht um den Sieg. Ich genieße das Autofahren an sich und liebe die Atmosphäre an der Rennstrecke. Ich bin dankbar, dass ich tolle Leute um mich habe, die den Spaß und die Leidenschaft mit mir teilen und mit denen ich eine gute Zeit erlebe.“

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