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Kaffeekollaps

Kaffeekollaps

Die Idee ist grandios. Sie fühlt sich nach Starksein und besserem Leben an: konsequenter Verzicht. Nicht nur ein bisschen, sondern volle Kanne. Am liebsten volle Kaffeekanne. Aber die ist tabu. Für 40 Tage und 40 Nächte plane ich meine Abstinenz. Weil ich fasten werde. Von Aschermittwoch bis Ostern, wie es sich gehört, und zum ersten Mal in meinem Leben. Mitten in der Fasnetszeit überlege ich, welche Verzichte mich bereichern könnten. Das Heilfasten ohne feste Nahrung kommt bei meinem momentanen Alltag nicht in Frage. Da kipp ich um. Die Süßigkeiten könnte ich weglassen. Davon hau ich mir ganz schön viel rein, vor allem seit ich mit dem Rauchen aufgehört habe.

Aber das ist nicht genug. Ich will noch mehr Weniger.

Hier mal ein Tässchen, dort eine Latte und drüben noch ein Espresso. Viel zu viel Koffeingesöff. Weg mit dem Kaffee. Und wenn wir schon dabei sind: Wer braucht Alkohol? Das Glaserl Rotwein beim Italiener tausch ich locker gegen ein Maracuja-Saftschorle ein. Weil in meinem Fastenfall aller guten Dinge vier sind, bürde ich mir eine weitere große Diät auf: das Fasten von schlechten Gedanken. Sind wir mal ehrlich, schlechtes Denken ist eine Gewohnheit, die sich immer wieder und nur zu gern in unsere optimistische Lebenseinstellung schleicht. Praxisnahe Beispiele gefällig?

Was für ein Idiot, der schnappt den letzten Parkplatz weg!

An der frisch geputzten Terrassentür glänzen klebrige Fingerabdrücke – wofür putze ich überhaupt?

Meine Haare sind heute eine Katastrophe, ich hasse sie.

Könnte die bessere Hälfte nicht endlich ihren verstunkenen Socken aus der Sofaritze und in die Waschküche ziehen?

Ein Tag im Office und nicht mal die Hälfte von den E-Mails beantwortet. Tolle Leistung.

Was denken die anderen, wenn sie mich in dem Zustand sehen?

Gerade gesaugt und schon wieder staubt’s.

Mitte der Woche das komplette nächste Wochenende verplant. Freizeitstress ohne Ende.

Warten, immer dieses Warten im Wartezimmer. Mich nervt’s.

Es gibt noch mehr Beispiele und kein Brauchbares fällt mir ein. Das ist zum Kotzen.

Sei es drum. Es wird ernst. Am Aschermittwoch ist alles vorbei und ich starte mit einer Tasse Tee in den Tag. Am frühen Nachmittag pochen meine Schläfen. Ich habe Kopfweh. Am nächsten Tag folgt die Migräne. Ich quäle mich durch die Arbeit und liege nach Feierabend flach. Flachliegen ist sowieso das Einzige, was ich im Moment will. Mich überkommt die Müdigkeit und ich mag nur noch schlafen. Oder Kaffee. Oder Zucker.

Die schlechten Gedanken wegzulassen klappt ziemlich gut. Im wachkomaähnlichen Zustand denkt man generell recht wenig. Eine Besserung des allgemeinen Wohlbefindens ist nicht in Sicht. Samstagabend habe ich keinen Bock mehr und fasse mit gequältem, ermüdetem und zuckerfreiem Körper einen Entschluss: Sonntag ist fastenfrei.

Mit letzter Kraft quietsche ich vor Vorfreude, gehe früh ins Bett und kann den nächsten Morgen kaum erwarten.

Der Kaffee zum Frühstück ist ein wahr gewordenes Träumchen. Mehr Glück erlebt man bei einer Südseekreuzfahrt nicht, denke ich und schiebe das nächste Kaffeepad in die Senseo-Maschine. Nach dem Frühstück gönne ich mir einen Schokoriegel, nach dem Mittagessen die dritte Tasse Kaffee, dazu ein Stück Torte und am Abend ein Glas Merlot. Was für ein Fest. Und weil man Feste feiern sollte, wie sie fallen, finde ich das mit der fastenfreien Zeit eine tolle Idee und dehne sie aus. Die ist so was von dehnbar, die kann ich ohne Anstrengung sogar bis hierher ziehen.

Ich habe versagt und das Fasten nicht geschafft.

 

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Ich bin komplett rückfällig geworden. Bestelle zur Pasta ein Glas Wein, schnappe mir was Süßes, wenn ich Lust darauf habe, trinke Kaffee, und den nicht nur zum Frühstück.

Wie es sich anfühlt, über die eigene Schwäche zu schreiben und das so, dass andere es lesen können? Es macht angreifbar, aber irgendwie auch leicht. Ich brauche keine Ausrede, muss nichts schönreden, sondern ich stelle mich und stelle fest: Ich habe versagt. Vielleicht liegt die Leichtigkeit daran, dass das Vorhaben „schlechte Gedanken weglassen“ weiterhin super funktioniert und ich lerne, mir zu vergeben. Es fühlt sich großartig an, den kleinen Biestern Raum zu klauen, gut gelaunt zu sein und sich und andere leiden zu können. Vieleicht werde ich es niemals, mal wieder oder anders noch mal mit dem Fasten versuchen. Diesmal hat es nicht geklappt.

Aber das Leben ist trotzdem schön und wir sind es auch.

Trotzdem bleibe ich dabei: Verzicht ist eine große Sache und ich bewundere die Menschen, die stark sind. Ich ziehe den Hut! Vor denjenigen, die ihr Fastenvorhaben erfolgreich meistern. Dabei Höhen und Tiefen erleben, Verführungen widerstehen und mit ihren Erfahrungen über sich hinauswachsen. Ihr seid großartig und habt einen tosenden Applaus #imländle verdient.

 

 

 

Für meine Schwester Andrea. Ich ziehe den Hut!

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