Bleib in Verbindung

    Wenn du vor dem Nichts stehst: eine Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Caritas-JakobusHaus

    Wenn du vor dem Nichts stehst: eine Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Caritas-JakobusHaus

    Unsere Petra besuchte vor wenigen Tagen das JakobusHaus der Caritas-Wohnungshilfe in Balingen-Endingen. Nach einem Gespräch mit der Leiterin Stefanie Balbach durfte Petra die Räumlichkeiten besichtigen und machte sich ein Bild von der Einrichtung. Aus jeder Menge Informationen und noch mehr Emotionen ist nach dem Treffen diese Story entstanden. Stellt euch vor, ihr würdet all das verlieren, was euer Leben ausmacht – es gibt Menschen, die das erleben müssen. Im Beitrag bekommt ihr einen Einblick in die Einrichtung und erfahrt, wie in Notsituationen geholfen werden kann.

     

    Was macht ein gutes Leben aus?  Mir kommen Gesundheit, Familie, das Dach über dem Kopf, genug zu essen und gute Freunde in den Sinn. Nicht jeder von uns darf sich so glücklich schätzen, all diese Dinge sein Eigen zu nennen. Manche trifft es noch härter: Sie haben alles verloren, was ihnen wichtig war, und stehen vor dem Nichts.

    Wie fühlt es sich an, wenn man alles verliert?

    Ich weiß es nicht, aber ich bin mir sicher, dass unterschiedlichste Schicksalsschläge der Auslöser dafür sein können. Unabhängig von Bildungsgrad, Status oder Intellekt kann es jeden von uns treffen. Allein deshalb finde ich es wichtig, dass wir Menschen, die den Boden unter den Füßen und im schlimmsten Fall auch noch das Dach über dem Kopf verlieren, niemals in eine unserer gedanklichen Schubladen stecken und dabei unser Leben munter weiterleben. Es ist viel sinnvoller, hinzuschauen und Anteilnahme zu schenken. Genau darum liegt mir ein Beitrag wie dieser sehr am Herzen. Mit meinen Zeilen will ich versuchen, die Empathie in uns zu wecken beziehungweise sie wachzuhalten, und ich freue mich, wenn ihr diese gedankliche Reise mit mir macht.

    Martin hatte alles – und plötzlich nichts mehr

    Stellt euch vor, da gibt es diesen Familienvater, wir nennen ihn Martin. Martin ist 39 Jahre alt und hat ein geregeltes Einkommen. Er lebt mit seiner Frau Linda und Töchterchen Marie in einer großzügigen Mietwohnung. Am schönsten ist es im Sommer, wenn die Gartenpartys mit den Nachbarn steigen. Wenn Martin am Grill sein Bestes gibt, Marie die leckerste Erdbeerbowle im Ländle zaubert und die Kinder zusammen spielen.

    Doch der Zauber hält nicht ewig. Martin wird arbeitslos und sein Sommer scheint vorerst vorbei zu sein.

    Alles scheint perfekt. Bis zu dem Tag, an dem Martin seinen Job verliert

    Aus unternehmerischen Gründen, sagen die Chefs, und dass es nicht an seinen Fähigkeiten liege. Auch vor einigen seiner Kollegen macht die Wegrationalisierung nicht Halt. Die einen ziehen weiter und kommen rasch woanders unter, den anderen bleibt der Weg zum Jobcenter nicht erspart. Martin ist einer von den anderen. Das Passende ist beim Amt nicht dabei, aber die Abfindung hält ihn eine ganze Weile über Wasser. Zu Hause sagt er nichts. Die Finanzen waren immer seine Verantwortung, er bekommt das irgendwie hin, bevor Linda was merkt. Sie soll sich keine Sorgen machen, es reicht, wenn er es tut. Darum steht Martin frühmorgens auf und geht pünktlich aus dem Haus. Er fährt um den Block, geht spazieren, stöbert in den Zeitungen nach Stellenangeboten und trifft sich ab und an mit ein paar Ex-Kollegen zum Einkehren. Mit Gleichgesinnten den Kopf frei bekommen und neue Pläne schmieden tut gut.

    Ein Tag ist lang, wenn man nicht nach Hause oder zur Arbeit kann

    Mit den Bewerbungsabsagen, den laufenden Kosten und dem schwindenden Kontostand schleicht sich die Resignation ein. Und mit ihr der Durst nach Sorgenlosigkeit. Den stillt Martin immer häufiger mit Alkohol. Getrunken hat er früher schon gerne. Aber nicht viel. Knapp sechs Monate nach seiner Entlassung trinkt er viel, aber nicht mehr gerne.

    Als seine Frau mit dem Thema Sommerurlaub um die Ecke kommt, platzt ihm der Kragen. So arg, dass Tochter Marie bitterlich zu weinen anfängt

    Seit jenem Streit sind einige Monate ins Land gezogen. An Martins Situation hat sich nichts geändert. Sein Lügennetz, das die Verzweiflung in ihm gesponnen hat, wird dünner, die Eskalationen zu Hause lauter und das Gefühl, ein Versager zu sein, größer. Als Linda von einer Bekannten erfährt, dass Martin seit knapp einem Jahr arbeitslos ist, sich in hiesigen Kneipen herumtreibt und sein Auto vor der Spielhalle im Gewerbegebiet gesehen wurde, rastet sie aus. Warum tut er ihr und seiner Tochter so etwas an?

    Sein Schwiegervater schüttelt den Kopf und beschimpft ihn vor den Augen seiner kleinen Marie als „Langzeit-Loser“

    Jetzt rastet Martin aus, brüllt und schlägt um sich. Linda packt die Koffer und das Kind und zieht zu ihren Eltern. Seinen kleinen Sonnenschein darf Martin erst wieder sehen, wenn er den beschissenen Alkohol in den Griff bekommt. Aber der Bastard hat ihn mittlerweile fest im Griff. Die Nachbarn leben ihr scheißperfektes Leben und der Vollotto von gegenüber grillt jetzt mit seinem Grill, den er ihm viel zu billig verkauft hat. Auf Gartenpartys geht er nicht mehr und er lädt auch niemanden ein. Es tut weh, anderen dabei zu zusehen, wie sie das genießen, was er verloren hat.

    Martin zieht sich zurück

    Er hat immer weniger Freunde – wenn sie denn jemals Freunde waren – und auch die Ex-Kollegen entpuppen sich als Zweckbeziehung. Auf seine Familie kann er nicht hoffen. Die lebt im hohen Norden und die Beziehung zu ihnen war, seit er denken kann, so kalt wie das Wetter dort.

    Ein eiskalter Schauer fährt Martin über den Rücken, als der Vermieter mit der Zwangsräumung vor der Tür steht

    Natürlich wusste er, dass er mit der Miete in Verzug ist. Aber was soll er machen? Er hat nichts mehr. Die Abfindung ist längst weg, das Auto mittlerweile verkauft, die Ersparnisse waren eh nie der Rede wert und der Dispo ist ausgeschöpft. Kurz vor seinem 41. Geburtstag steht Martin vor dem Nichts. Er hat alles verloren, was einmal sein Leben war.

    Das soll ein richtiger Mann sein?

    Scham und Angst quälen ihn, er hat keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Jetzt muss er den nächsten entwürdigenden Schritt machen und sich wohnungslos melden. Martin hat nichts mehr und genauso fühlt er sich: Wie ein Nichts.

    Vielleicht ist es nicht die Kraft, die Menschen in solchen Situationen brauchen, um wieder aufzustehen und neue Wege zu gehen. Vielleicht ist es die Überwindung, Hilfe von Fremden anzunehmen. Mit diesem Gedanken ist es beruhigend, dass Hilfe da ist, wenn man sie braucht und die eigene Kraft zu Ende geht.

    Im Zollernalbkreis bietet die Caritas Schwarzwald-Alb-Donau mit ihrer Einrichtung für Wohnungslosenhilfe, dem  JakobusHaus, Hilfe an

    Das Haus am Rand von Balingen-Endingen bietet Notübernachtungsplätze für Menschen aus dem Zollernalbkreis, die (egal aus welchen Gründen) kein Dach über dem Kopf haben. Kommen darf jeder. Oft verweist das Ordnungsamt nach der Meldung der Wohnungslosigkeit auf die Einrichtung. Die Leiterin Frau Balbach ist überzeugt davon: Je früher man zu ihnen kommt, desto größer ist die Chance, die Weichen für ein neues Leben zu stellen. Das hört sich nach einem Lichtblick im Dunkeln an.

    Die Notunterkunft ist für einen Aufenthalt von maximal zwei Wochen gedacht, in der die Grundversorgung an erster Stelle steht. Die Bewohner werden bei Behördengängen unterstützt, man vereinbart Arztbesuche und die Sozialarbeiter bieten Beratungsgespräche an.

    Meist ist der Wohnungsverlust, wie bei unserem Martin, nicht das größte Übel und es steckt mehr dahinter, etwa eine Sucht, die soziale Isolation, Depressionen oder andere Schicksalsschläge. Diese Probleme gilt es behutsam aufzudecken, um die Basis für nachhaltige Veränderungen zu schaffen. Wer für sich die Veränderung möchte, kann einen Antrag auf ein Einzelzimmer oder ein Appartement (Wohnen auf Zeit) im JakobusHaus stellen und gemeinsam mit den Sozialarbeitern die ersten Schritte in ein neues Leben gehen.

    Das JakobusHaus bietet Strukturen, die neuen Halt geben

    Jüngere Menschen bekommen die Chance auf einen Neuanfang, ältere werden dabei unterstützt, ihren Lebensabend würdig zu gestalten.

    Im Haus herrscht reges Treiben und es gibt es immer was zu tun, sei es das Mithelfen bei der Hausarbeit, Ausflugsangebote oder Kartenspielrunden mit den anderen Bewohnern. Zu Letzterem kommen gern Ehemalige dazu – weil’s eben nicht immer einfach ist, in unserer Gesellschaft neue Freundschaften zu schließen, wenn die Vergangenheit nicht der Norm entspricht.

    Die Struktur und die Regeln erträgt nicht jeder. Für manche ist die Tür des Hauses eine Drehtür. Sie gehen, tauchen ab und kommen wieder. Das dürfen sie aber auch. „Und wenn es erst beim zehnten Mal mit dem Neuanfang klappt – wir geben nicht auf und das sollten die Menschen auch nicht tun“, sagt Frau Balbach.

    Das hört sich positiv und ausdauernd an

    Auch wer einfach mal eine Dusche braucht, ein warmes Mittagessen, ein offenes Ohr oder ein bisschen Gesellschaft, ist im JakobusHaus immer willkommen. Wer erzählen will, darf es tun, muss aber nicht.

    Die Menschen werden geschätzt und gewürdigt, egal woher sie kommen und welches Laster sie mitbringen

    Mein Besuch bei Frau Balbach hat mich zu der fiktiven Geschichte von Martin inspiriert. In meiner optimistischen Vorstellung nimmt Martin die Hilfe des JakobusHauses an, macht eine Therapie, kommt von der Alkoholsucht weg und darf sein Töchterchen Marie irgendwann wieder in die Arme schließen. Realistisch ist mein Happy End in manchen, aber sicherlich nicht in allen Fällen. Die Erzählung an sich liegt jedoch näher an der Realität, als man glauben mag:

    Bei meinem Besuch im März waren sechs von acht Notunterkünften besetzt. Fünf der Bewohner führten vor ihren persönlichen Schicksalsschlägen ein Familienleben, genossen ein funktionierendes soziales Umfeld, gingen arbeiten und lebten ein in unseren Augen „normales“ Leben.

     

    Infobox

     

    Das Team vom Caritas-JakobusHaus Schwarzwald-Alb Donau berät alleinstehende Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Personen.

     

    • Die Fachberatungsstelle ist für den ganzen Zollernalbkreis zuständig. Hier ist Hilfe in allen persönlichen Fragen möglich.
    • Die Tagesstätte/Wärmestube bietet einen Aufenthaltsbereich mit Angeboten der Grundversorgung wie z. B. Essen, Duschmöglichkeit, Wäsche waschen.
    • In der Notübernachtung bietet
    • das JakobusHaus vorübergehende Schlafmöglichkeiten für wohnungslose Männer und Frauen.
    • Das Aufnahmehaus ist ein ambulantes Wohnangebot zur Klärung des weiteren Bedarfs bis hin zu weiterführenden Maßnahmen.
    • Im Ambulant Betreuten Wohnen hält die Einrichtung  Appartements und Wohnraum vor und bietet persönliche Betreuung und Unterstützung zur dauerhaften Stabilisierung der Lebenssituation

     

    Kontaktdaten

    Alte Balinger Straße 41
    72336 Balingen
    Telefon: 07433 99750-6

     

    Weitere Informationen findet ihr hier.

     

    Kommentar verfassen

    Werde als Erste/er per E-Mail über die neusten Blogartikel informiert

    Bei Instagram gibt´s für dich den Blick hinter die Kulissen

    Something is wrong.
    Instagram token error.

    Lust auf mehr Video? Abonniere unseren Youtube Kanal

    ×
    %d Bloggern gefällt das: