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    Nur noch kurz die Welt retten

    Petras Weihnachtsgeschichte wird euch vom Atelier Türke aus Balingen präsentiert. Den Weihnachtsgruß  findet ihr unter dem Beitrag.

     

    „Wir sind spät dran, komm bitte!“
    Felix saß in seinem Zimmer, hörte Mama rufen und legte vorsichtig den drittletzten Holzklotz auf den Turm. So hoch war der noch nie gewesen! Vielleicht würde es klappen und sein Turm würde das erste Mal genauso groß sein wie er. Felix’ Hand zitterte, er kniff die Augen zusammen und griff nach dem vorletzten Holzklotz, der neben ihm in der Kiste lag.

    Tante Birkenstöckchen hieß in Wirklichkeit Lena, aber Papa nannte sie so

    „Feeeliiix! Papa wartet im Auto!“
    Mama rief wieder. Er kannte den schrillen Tonfall. Beim nächsten Mal würde er noch schriller werden und beim übernächsten Mal würde das schrillste Schrillen mitsamt Mama in seinem Zimmer stehen. Wenn er sich beeilte, könnte er es davor noch schaffen. Schließlich war jetzt der letzte Klotz dran. Der war bunt bemalt. Mit Wasserfarben. Das hatte er mit Tante Birkenstöckchen gemacht. Seine Tante hieß in Wirklichkeit Lena, aber Papa nannte sie so. Außer wenn sie zu Besuch war. Dann nicht. Oft war Lena sowieso nicht da. Mamas Schwester lebte auf Teneriffa. Das ist Spanien mit ganz viel Meer drum rum.

    Letztes Jahr zu Weihnachten war sie für zwei Wochen gekommen. Papa sagte, er würde immer Kopfweh von ihrer bunten Welt bekommen. „Wer weiß, was mir mit der noch passiert, denn es passiert so viel, wenn Birkenstöckchen da ist“, sagte er. Sie wollte immer viel reden und Bilder malen und verrückte Sachen machen, fand Fernsehschauen doof und hatte nicht mal ein Handy. Von all diesen Sachen bekam Papa immer Kopfweh. Als er die Tante nach Neujahr zum Flughafen gebracht hatte und sie weg war, wurde er wieder gesund.

    Felix baute aus Holzklötzen den größten Turm

    Jetzt saß Felix auf dem Parkettboden vor dem fast größten Turm und pustete sich eine dunkle Locke aus der Stirn. Er drehte den Holzklotz zwischen Daumen und Zeigefinger und begutachtete ihn dabei. Auf der einen Seite war er blau, auf der anderen lila und auf der Rückseite …
    „Felix! Ich habe heute viel zu viel zu tun, als dass ich ewig auf dich warten könnte.“ Mit dem schrillsten Tonfall knallte die Zimmertür auf und mit voller Wucht gegen den Turm. Die Holzklötze krachten auf den Boden, einer davon direkt auf Felix’ großen Zeh und die anderen sogar bis in die Ecke, wo die Playmobilkiste stand. „Mamaaaaa!“ Jetzt schrie Felix, und zwar so laut, dass ihm dabei die Tränen über die Wangen kullerten.

    Mama fand es auch schlimm, dass alles kaputt war. Sie kniete sich zu Felix auf den Boden, umarmte ihn und entschuldigte sich, und er vergrub sein Gesicht in ihrem weichen Pulli. Der roch nach Blumen und eine Weile später nach Fast-nicht-mehr-traurig-Sein. Mama versprach, dass sie am Abend einen neuen Turm bauen würden. Im Auto durfte Felix dann vorn neben Papa sitzen. Die beiden spielten auf der Fahrt zum Kindergarten Polizeieinsatz. Jetzt konnte Felix wieder lachen.

    Viel Zeit zum Traurigsein gab es sowieso nicht. In zehn Tagen war Weihnachten. Auch wenn Tante Birkenstöckchen diesmal nicht kommen würde, freute sich der 6-Jährige wie Bolle auf das Fest. Wegen dem Christbaumschmücken und weil Mama an Heiligabend ein tolles Kleid anzog, Oma und Opa da waren und wegen der Bescherung. Auf Felix’ Wunschliste stand ganz oben ein Nintento, weil Jan aus dem Kindergarten einen hatte. Und Bauklötze, ein Schlagzeug, ein Playmobil-Feuerwehrauto, eine Murmelbahn, ein ferngesteuertes Rennauto und drei Matchbox-Autos. Als Felix die Sachen mit Papa bei Herrn Google aussuchte, sagte Papa, das seien viel zu viele Geschenke. Felix wollte es trotzdem versuchen. Vielleicht könnte der Herr Google ein gutes Wort für ihn einlegen.

    Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm. Mit Herrn Google blieb niemand dumm

    Google konnte nämlich alles. Mama sagte mal, wenn sie etwas nicht wisse, dann frage sie Herrn Google. Sie nannte das Fragen googeln. Felix mochte das Wort und den Herrn Google. Der wohnte in allen Notebooks, Computern und Handys, hatte auf jede Frage eine Antwort und immer Zeit. Mama hatte am Abend keine Zeit, den Turm aufzubauen. Sie musste kurz vor dem Vesper noch mal los.
    „Fangt schon mal mit dem Essen an, ich stoß dann später dazu“, sagte sie.
    Papa fragte: „Wieso, weshalb, warum?“
    Mama lachte. „Wer nicht fragt, bleibt dumm, oder was? Lass uns später weiterreden. Da draußen brauchen sie mich jetzt, die haben die Situation völlig unterschätzt.“ Sie küsste erst Papa und dann Felix auf die Stirn und flüsterte ihm dabei ins Ohr: „Und gleich danach bin ich wieder bei dir, versprochen.“ Dann fuhr sie wie der Blitz ins Büro.
    „Die tut so, als ob ihr Leben davon abhängt.“ Papa schüttelte den Kopf und biss in sein Wurstbrot. Weil Mama länger weg war, durfte Felix zwei Kinderfolgen mehr im Fernsehen anschauen. Papa unterhielt sich erst mit Google und telefonierte danach mit einem Mann von der Arbeit. „Über 148 Mails musste ich heute checken“, hörte Felix ihn sagen. „Die erwarten wohl, dass wir vor den Feiertagen die Welt retten. Mir rennt die Zeit davon.“ Der Junge wusste, dass Mails wichtige Briefe im Handy waren.

    Papa, kannst du die Welt retten?

    Als er mit Papa im Bett lag und die Gutenachtgeschichte zu Ende war, fragte Felix: „Kannst du mit deinem Handy in echt die Welt retten?“
    Papa lachte. „Manchmal kommt mir das so vor.“
    Felix hatte keine Zeit zu antworten, er musste nachdenken. Jetzt kapierte er, warum Papa das Handy mit aufs Klo nahm. Und warum Mama vor dem Frühstück, nach dem Mittagessen und sogar im Bett so viel damit zu tun hatte. Er dufte zwar ab und zu Spiele darauf spielen, Fotos machen, Videos schauen oder mit Oma telefonieren, mehr aber nicht.

    Felix strich alle Wünsche von seiner Liste

    Als Papa längst wieder im Wohnzimmer war, lag Felix wach in seinem Bett. Er überlegte immer noch. Fast alle Erwachsenen retteten ganz oft die Welt. Nur Tante Lena nicht. Das fand Felix doof. Er wollte nicht doof sein und lieber wie sein Papa werden. Am nächsten Morgen fragte Felix seine Mama, ob sie die Wunschliste nochmal ändern könnten. Mama zog eine Augenbraue hoch und meinte, es sei kaum mehr Zeit dafür. Felix war das egal. Er bestand darauf, dass sie alle Wünsche strich und in großen Buchstaben HANDY drüberschrieb. „Falls jemand in Not ist, mag ich helfen“, sagte er mit wichtiger Miene und Mama zog beide Augenbrauen hoch.

    Endlich war Weihnachten

    Irgendwann war er dann da, der Heilige Abend. Mama und Papa bereiteten das Festessen vor und Felix ging solange mit Oma und Opa in die Kirche. Als sie zurückkamen, roch es im ganzen Haus nach würziger Bratensoße. Im Wohnzimmer strahlten die Lichter von dem bunt geschmückten Weihnachtsbaum. Mama strahlte auch. Sie trug ein langes rotes Kleid und sah wie eine Prinzessin aus. Papa hatte sich nicht ganz so schick gemacht, aber Felix fand ihn trotzdem schön.

    Das Essen dauerte eine halbe Ewigkeit. Dann las Opa ein Gedicht vor und danach sangen Mama und Oma „O Tannenbaum“ und noch drei andere Lieder. Unendlich viel später kam die große Bescherung. Für Felix gab es zwei Geschenke: ein großes braunes Paket von Tante Lena und ein kleines von allen anderen. Der Junge strahlte wie ein Honigkuchenpferd, als er das kleine Geschenk öffnete. Ein Handy! Mama sagte, dass es nur für Notfälle sei. Felix zuckte mit den Schultern. Das war egal, er wusste, wie viele Notfälle es bei den Erwachsenen gab. Das reichte ihm allemal.

    Das Paket von Tante Lena war riesig und bis obenhin voll mit bunten Holzklötzen – manche mit Blumen, andere mit Schmetterlingen, ein paar mit Fischen, und drei waren sogar mit lila Elefanten bemalt. „Hat sie die etwa alle selbst bepinselt? Das sind mindestens hundert Klötze! Tante Birkenstöckchen muss Zeit haben!“ Papa griff nach einem Schmetterling-Klotz und schüttelte dabei den Kopf. „Ich finde sie wunderschön“ sagte Mama, und Felix fand das auch.

    An jenem Abend musste die Welt auf drei Helden verzichten

    Felix vergaß glatt, dass er nun Handybesitzer war. Mama löste nämlich ihr Versprechen ein und alle halfen mit. Sie bauten den größten Turm, den Felix je gesehen hatte. So groß, dass Opa mit dem letzten Elefanten-Holzklotz auf den Couchtisch stieg und ihn mit zitternden Fingern obendrauf packte. Nur Opa wackelte, der Turm stand felsenfest und hoch bis unter die Decke vor dem Weihnachtsbaum. Papa zückte ein einziges Mal sein Handy, zum Selfiemachen. Felix freute sich. „Wir gratofieren uns selber“, rief er. Papa knipste und alle lachten.

    Das Bild hängt heute noch in Felix’ Kinderzimmer. Neulich dachte der Junge, dass man auf dem Foto gar nicht sehen kann, dass Mama, Papa, er und sogar Oma Weltretter sind. Aber dann fiel ihm ein, dass Opa kein Handy hatte und dass Papa seines an Weihnachten zum Selfiemachen brauchte. Nur er, Mama und Oma mit Handy in der Hand und als Helden vor dem Weihnachtsbaum wäre doof gewesen. Und sowieso hätte es dann den Turm vielleicht nicht gegeben. Es war gut genau so, wie es war.

     

    Inspiriert von Tim Benzko und uns Erwachsenen mit Smartphone in der Hand.

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