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Tausche Laptop gegen Pulverpistole: mein Produktionstag bei Rau

 

 

 

 

 

Vor einigen Wochen ruft mich Nicole Auer von der Rau GmbH an. Sie arbeitet in der Marketingabteilung des Balinger Unternehmens und hat einen #imländle-Flyer in der Poststelle in Weilstetten entdeckt. Ob eine Geschichte über einen Hersteller von Arbeitsplatzeinrichtungen  für #imländle interessant sein könnte, will sie wissen. Ich freue mich über das Interesse und überlege im selben Moment, wie viel Emotion in Werkbänken stecken kann.

Wenige Wochen später treffe ich mich mit den Damen vom Marketing und den Herren Rau. Wir sitzen mit Videoreporterin Stefanie in einem Besprechungsraum, bekommen Kaffee und Kekse und tauchen in die Entstehungsgeschichte des über 70 Jahre alten Betriebs ein. Wenn Menschen aufrichtig erzählen, wie sie ihren Traum vom Erfolg mit Leben gefüllt haben, mit welchen Herausforderungen sie kämpfen mussten, wann es steil nach unten und wann nach oben ging, lassen die Emotionen nicht lange auf sich warten. Wie von selbst schwappt die Leidenschaft heimlich, aber sicher in meine Gedanken über. Was wir erfahren, macht Lust auf mehr, und ich verspüre den Drang, ein bisschen tiefer zu tauchen und selbst von meinen Rau-Erfahrungen erzählen zu dürfen.

Damit ich weiß, wovon ich schwätz, entscheiden wir an jenem Nachmittag, dass ein Arbeitstag in der Produktion der perfekte Einstieg ist.

Das sommerliche Wetterle haben wir uns für meine herRAUsragende Arbeit nur zufällig ausgesucht. Mitten im Juni bei gefühlten 35 Grad im Schatten trete ich an einem Donnerstag um 7.30 Uhr meinen Dienst an: raus aus den Sandalen und rein in die Arbeitsklamotten und das Produktionsvergnügen. Frau Auer hat den gemeinsamen Tag vorbildlich organisiert. Ich darf die komplette Produktionskette durchlaufen und somit jeden Arbeitsschritt bis zu einer fertigen Arbeitsplatzeinrichtung miterleben: von der Plattenfertigung über den Wareneingang, das Schweißen, die Kommissionierung, das Pulverbeschichten und die Montage bis hin zum Warenausgang. An fast jeder Station lege ich selbst Hand an. Die Mitarbeiter erklären mir, was sie machen und warum, und ich gebe mein Bestes, was ohne Vorkenntnisse und Erfahrung sicherlich nicht ausreichend ist.

Die Jungs haben Nachsicht mit meinen zwei linken Händen. Sie lächeln und sind geduldig, während ich schwitze und mich an ihrem Arbeitsplatz vergreife.

Plattenfertigungsleiter Eugen erklärt mir, wie ein Baum aus heimischen Wäldern zur fertigen Holzplatte verarbeitet wird. Er zeigt mir, wie ich das Schleifgerät halten muss und warum mein willkürliches Kreisen wenig Sinn ergibt.

Im Wareneingang treffe ich auf Teamleiter Mike. Der gebürtige Dessauer ist vor einigen Jahren mit Frau und Kind ins Schwabenland gezogen. Sein Dialekt und sein verschmitzter Blick sind mir auf Anhieb sympathisch. Er erklärt, warum mit einem chaotischen Lagersystem gearbeitet wird, und stellt seine Kollegen vor. Einer von ihnen ist der Große Goran. Der fährt den Seitengabelstapler, spricht fließend englisch und kennt die Welt wie unsereins das Schwabenland. Mit mazedonischem Akzent erzählt er von seiner Zeit in Afghanistan, im Irak und wie er bei uns #imländle gestrandet ist. Ich wäre gerne noch ein bisschen länger geblieben. Hätte mir mit Mike, Goran, Eros und Azubine Saskia ein schattiges Bänkchen auf dem Firmengelände gesucht und mir ihre Lebensgeschichten angehört. Ganz sicher wäre jede einzelne eine spannende Story #imländle wert.  Aber wir müssen weiter, sind zum Arbeiten und nicht zum Spaß hier. Der nächste Stopp: die Schweißerei. Hier werden die Gestelle einer speziellen Serie zusammengeschweißt. Die Männer tragen Schutzkleidung, Funken schlagen, und ja, es ist ziemlich warm. Hand anlegen darf ich nicht, weil die Schweißerei eine gefährliche Angelegenheit und nur für Könner ist. Darum filmt Stefanie und ich schau mir das Spektakel aus sicherer Ferne an.

Bei der Kommissionierung darf ich wieder mitmachen und Jakub helfen – oder besser gesagt er mir.

Wir schnappen uns ein Auftragsblatt und suchen die Teile für eine Schublade zusammen. Die werden an einem Gestell festgemacht und fahren über unsere Köpfe hinweg zur nächsten Station. An die „Deckenstraße“ muss ich mich mit meinen kaum vorhandenen Multitasking-Fähigkeiten erst gewöhnen. Zuhören, Teile aufhängen und den Blick zur Decke nicht vergessen. Das ist eine Herausforderung, sag ich euch. Jakub spürt, wie ich mich fühle, und achtet auf unsere Sicherheit. Wusstet ihr, dass sein Name die polnische Form von Jakob ist? Ein seltener und sehr schöner Name, wie ich finde.

Richtig heiß wird es bei Adriano in der Pulverbeschichtung.

Der Italiener ist mir bereits auf dem Weg zum Wareneingang aufgefallen. Er lehnte an einer Wand und wirkte leicht melancholisch. Der Gedanke, dass ich mit ihm vor den Kabinen ein kleines Holy-Festival zur Aufheiterung feiern könnte, verlässt mich, als ich in die Schutzmaske schlüpfe. Binnen wenigen Sekunden läuft mir der Schweiß über die Stirn. Wenn es nach mir ginge, wäre der absolute körperliche Stillstand die beste Form des Durchhaltens. Tapfer trotte ich schweißgebadet hinter Adriano zu einer der sechs Kabinen und bekomme die Pistole in die Hand gedrückt. Ich sprühe. Erst mal eine fette Rotznase. So ist das, wenn man nicht wie Adriano und seine Kollegen Experte auf dem Gebiet ist. Mittlerweile hat sich meine komplizierte weibliche Menschenkenntnis übrigens in Pulver aufgelöst. Ich bin mir sicher: Der Adriano hat sich vorher eine kurze Pause gegönnt. Der Grund für seine melancholische Wirkung: Ihm war bollenheiß. Nicht mehr und nicht weniger.

In der Montage treffe ich auf Olaf und wir auf mein beschichtetes Teil der Schublade. Das fährt, wie könnte es anders sein, an der Decke zu seinem Arbeitsplatz ein. Bevor Olaf die Einzelteile zu einem Werkstück montiert, prüft er sie sorgfältig. Rotznasen wie meine werden aussortiert. Während ich die Schräuble in die Werkbank drehe, wird mir bewusst, wie viel Teamarbeit in der Produktion steckt.

Auf den ersten Blick arbeitet jeder für sich. Auf den zweiten wird klar, dass jeder Arbeitsablauf vom anderen abhängig und somit gleichwertig ist.

Nach knapp zwei Stunden ist das Prachtstück, in unserem Fall eine Werkbank, fertig. Im Warenausgang führt Nunzio die letzte Qualitätsprüfung durch und bereitet die Werkbank für die Verpackungsstraße vor. Während unser Baby vollautomatisiert in Folie gewickelt und verpackt wird, sprechen wir über alte Discozeiten, wie es sich für ihn anfühlt, Vater zu sein, und warum das Heranwachsen für Kinder in ländlichen Gegenden so schön sein kann.

„Meine“ Werkbank geht auf Reisen und wird irgendwo in Deutschland ihren Platz und ihren neuen Besitzer finden.

Stefanie und ich reisen nach unserem Arbeitstag bei der Rau GmbH müde und happy ab. Die Produktion hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei mir. Selbst ohne technischen Tüftlergeist habe ich verstanden, dass die automatisierte Herstellung eine durchdachte und faszinierende Angelegenheit ist.

Ob ich es nochmals wage zu fragen, wie viel Emotion in einer Werkbank steckt? Sicherlich nicht. Als Balingerin fahre ich fast täglich an dem Unternehmensgebäude vorbei. Bis vor Kurzem nahm ich maximal die Gebäudebeschriftung „heRAUsragend“ war. Seit meinem schweißtreibenden und eindrucksvollen Arbeitstag schaut das anders aus. Ich lächle und frage mich, was Nicole und ihre Kolleginnen vom Marketing gerade treiben. Ob sich Adriano über die kühlen Temperaturen freut und Eugen gerade am Schleifen ist. Ob Saskia in der Berufsschule büffelt oder im Wareneingang arbeitet, der Große Goran den Stapler fährt, Mike bald wieder seine Verwandtschaft in der Heimat besucht und wie es Nunzio und seiner Familie geht.

Liebes Rau-Team, ich danke euch für den tollen und authentischen Einblick, die spannenden Begegnungen und alles andere, was ich in der kurzen Zeit bei euch erleben und erfahren durfte.

Video by Stefanie Ehlers.

 

Hinter jedem #imländle-Beitrag stecken viel Planung, Zeit und Leidenschaft. Darum ist gewerbliches Storytelling wie dieses kostenpflichtig.
Die Themen werden mit Bedacht und verantwortungsvoll gewählt. Egal ob bezahlt oder nicht, der #imländle-Lesestoff ist immer authentisch und mit viel Herzblut geschrieben.
An dieser Stelle herzlichen Dank für das Vertrauen und die spannenden Erfahrungen, liebes Team von der Rau GmbH. Schön, dass wir gemeinsam Geschichte #imländle schreiben.

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