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Aus Matsch wird Knete

Seit nunmehr über siebzehn Jahren ist im Binsenbolwald der Waldkindergarten Balingen e. V. zu Hause. Die Erzieherinnen, die von Anfang an dabei sind, lassen uns an der Entstehung und Entwicklung des Kindergartens teilhaben. Wandert mit ihnen in eine spannende Vergangenheit und legt eine Rast mit Anekdoten aus der Gegenwart ein. Wir erleben, wie Laubblätter zu Geldscheinen werden und der Orkan Lothar den Binsenbol heimsucht, und erfahren, warum Kinder den Regen lieben. Lasst euch vom »Waldkindivirus« infizieren und freut euch auf den bevorstehenden Tag der offenen Tür.

Vor langer Zeit, im Sommer 1999, begegnen wir uns bei einer Autofahrt zum ersten Mal. Keine kennt die andere, aufgeregt sind wir alle drei. In wenigen Wochen werden wir gemeinsam den Balinger Waldkindergarten mit aufbauen. Die ersten Kinder sind angemeldet, der Verein ist gegründet, ein Waldgebiet gefunden. Die Jäger sind nicht sonderlich begeistert, der Oberbürgermeister ist involviert. Alle stehen in den Startlöchern.

Die Angst vor Wildschweinen überkommt uns

An jenem warmen Julitag fahren wir in den Schwarzwald, um einen anderen Waldkindergarten zu besichtigen. Unterwegs sind wir ziemlich skeptisch, werden uns aber gleichzeitig etwas vertrauter. Wir gestehen uns ein, dass wir neben der Begeisterung einen Hauch von Angst verspüren: Bald stehen wir mit Kindern im Binsenbolwald, und das jeden Tag. Wir tragen als Erzieherinnen die Verantwortung. Was, wenn uns Wildschweine, fiese Zecken, bissige Hunde oder andere böswillige Zeitgenossen heimsuchen? Die Vorstellung ist grausig. Noch auf der Fahrt nach Bad Liebenzell beschließen wir, nach der Rückkehr Pfefferspray zu kaufen. Damit wären wir sicher und könnten uns gegen alle Angriffe wehren. Im Waldkindi Bad Liebenzell haben wir keine Zeit mehr, uns über wildgewordene Waldtiere den Kopf zu zerbrechen. Wir genießen den Tag und strahlende Kinderaugen. Die Route zurück nach Balingen ist die gleiche wie am Morgen. Die Gedanken und Gespräche sind jetzt jedoch voller Zuversicht. Man könnte meinen, die Badener hätten uns mit einem heftigen Virus infiziert: dem Waldkindivirus. Fremd fühlt sich zwischen uns drei jungen Frauen nichts mehr an.

Beeindruckt kehren wir in die Heimat zurück

Beeindruckt und voller Inspiration kehren wir mit einem Sack voller Eindrücke in die Heimat zurück. Zu Hause geht es richtig los. Die Stadt Balingen leiht uns zwei Bauwagen. Den einen bauen wir zum Vesperwagen um. Richtig gemütlich, mit Holzofen, Tischen, Stühlen und Bänken. Der andere wird zur Garage für den Bollerwagen umfunktioniert. Den werden wir bald täglich durch den Wald ziehen. Ausgestattet mit Wasser, Erste-Hilfe-Ausrüstung, Seife, Handtüchern, Ersatzkleidung (falls mal was in die Hose geht), Wolle, Sägen, Feilen und Kartoffelschäler. Die heißen ab sofort Rindenschäler. Mitte September im selben Jahr ist es endlich so weit: Mit Bollerwagen, sieben Kindern und deren Eltern geht es am frühen Morgen in den Binsenbolwald. Dort angekommen dauert es nicht lange, bis die Kinder zu spielen beginnen. Die Jungs bauen Tipis, die Mädchen sammeln Schätze vom Waldboden und spielen Kaufladen damit. Blätter werden zu Geldscheinen, Tannennadeln zu Nudeln und aus Lehm wird Brot gebacken.

Der erste Tag fühlt sich gut an

Die frische Luft macht hungrig. Mit roten Backen vespern wir gemeinsam und können es kaum erwarten, das Werkzeug aus dem Bollerwagen zu packen. Wir feilen, sägen und schnitzen mit den begehrten Rindenschälern. Äste und Stöcke verwandeln sich in Pfeil und Bogen, Kinder werden zu Robin Hood und den Königen des Waldes. Ehe wir uns versehen, ist der erste Tag vorbei. Alles an ihm fühlt sich richtig und gut an. Es vergehen viele Tage und Wochen. Die Jäger werden zu Freunden. Mit der Zeit verblassen die anfänglichen Zweifel, das Erlebte wird bunter und unser Pfefferspray landet im Papierkorb. Die Eltern treffen sich, um ein Waldsofa zu bauen, die Tipis werden wetterfest gemacht und die Kinderzahl steigt. Neben dem regen Treiben kehrt rasch eine gemütliche Alltagsruhe auf dem Binsenbol ein. Nur der Regen macht uns Sorgen. Auch wenn es vormittags meist trocken ist – was, wenn es mal einen richtigen Wolkenbruch gibt? Die Kinder tragen zwar wetterfeste Kleidung, aber wer lässt sie schon gerne im Regen stehen? Kurzerhand bauen die Eltern um vier Bäume eine Vorrichtung. Wir Erziehrinnen spannen eine Plane darüber und unsere Gemüter sind beruhigt. Der Regen lässt nicht lange auf sich warten, die Kinder jedoch schon. Sie haben schlichtweg keine Lust auf den Unterschlupf. Viel zu schön ist es, im Nassen zu spielen, in Pfützen zu hüpfen und aus Matsch fantasievolle Figuren zu kneten. Wir schmunzeln, die Kinder strahlen.

Orkan Lothar fegt über den Binsenbol

Dann kommt das erste Weihnachten und mit den Feiertagen der Orkan Lothar. Er treibt sein Unwesen auch über dem Binsenbol. Viele unserer Aufbauten werden weggefegt. Obwohl das Forstamt voller Energie am Wiederaufbau arbeitet, können die Kinder nach den Ferien nicht in ihrem Wald spielen. Wir machen das Beste daraus und verbringen mit ihnen einen Erlebnistag auf dem Bauernhof und mehrere Tage auf dem Spielplatz. Als wir zurückkehren, kommen die Kleinen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Wald ist neu und anders. Viele Bäume sind gefällt, der Boden ist mit Tannenreisig bededeckt. Die Spielmöglichkeiten sind grenzenlos. Die Kinder jubeln und zeigen uns mit ansteckender, kindlicher Freude, wie entscheidend die Sichtweise für unser Empfinden ist. Vom Sturm erholt kehrt rasch die Alltagsruhe in den Waldkindi zurück. Immer mehr Kinder kommen zu uns und unser Vesper-Bauwagen wird zu klein. Der alte Zirkuswagen des Zirkus »Henry« ist die perfekte Lösung. Wir bauen ihn um und stellen fest, dass auch er mehr Platz braucht. Da es keine Auswahl gibt, ist die Wahl schnell getroffen. Der Verein pachtet ein Grundstück in unmittelbarer Nähe des Waldes. Auf den ersten Blick gleicht es einer Brennnessel- Plantage. Stundenlang rupfen die tapferen Eltern brennende Gräser aus dem Boden. Wir staunen nicht schlecht: Es kommt ein wundervolles Fleckchen Erde zum Vorschein. Wenige Zeit später dürfen wir mit Henry und den Kindern unser neues Zuhause beziehen. Im darauffolgenden Sommer genießen alle das satte Grün, die zwitschernden Vögel, die blühenden Pflanzen und die kleinen Waldabenteuer. Mittlerweile betreuen wir zwanzig Kinder und führen eine Warteliste.

Zwei Jahre später bekommen wir tolle Verstärkung

Zwei Jahre später eröffnet der Waldkindi seine zweite Gruppe und wir drei bekommen tolle Verstärkung. Auf dem Grundstück wird eine Hütte gebaut. Hütte und Henry sind für beide Gruppen Schutzunterkünfte bei Hagel, Sturm und Gewitter. Bei extremer Kälte heizen wir den Ofen ein. Vespern, basteln, spielen und malen bei knisternder Wärme. Fast immer sind wir draußen. Für die Kinder und uns gibt es viel Spannendes zu entdecken. Oft ziehen wir mit dem Bollerwagen durch den Wald, besuchen einen Dachs- oder einen Fuchsbau, beobachten Ameisen bei ihrer emsigen Arbeit. Werden mit Lupenglas und konzentriertem Blick zu Entdeckern der heimischen Insekten- und Pflanzenarten. Basteln mit Holz, Tannenzapfen, Wolle und Papier. Vespern bei Sonnenschein mit Blick auf die Balinger Berge. Lesen vor und hören zu. Genießen das »Popo-Rutschen« im Schnee und bauen riesige Schneemänner. Wir machen und erleben so vieles. Doch eines ist für uns alle etwas ganz Besonderes: Wir erleben den Wald und die Natur hautnah und dürfen ein Teil davon sein. Seit unserer Autofahrt nach Bad Liebenzell sind mehr als siebzehn Jahre vergangen. Zwei von uns dreien haben sich mittlerweile für neue Wege entschieden. Der Abschied fiel wahrlich nicht leicht. Doch wir mussten alle herzhaft lachen, als eine von uns feststellte, dass ihr während der gesamten Waldkindizeit tatsächlich kein Wildschwein begegnet ist.

Über die Jahre dürfen wir in unseren zwei Gruppen viele Kinder begrüßen und in einen neuen Lebensabschnitt verabschieden. Jedes von ihnen ist einzigartig und hat den Waldkindergarten mit seiner Fantasie, seiner kindlichen Lebensfreude und seiner Persönlichkeit bereichert. Alles in allem sind wir Gott dankbar, dass er den Waldkindergarten so gesegnet hat, dass wir ihn mit viel Freude und wundervollen Erfahrungen in unserem Herzen tragen. Unser großer Dank gilt an dieser Stelle dem Vorstand, allen Mitwirkenden und vor allem den Eltern. Mit ihrer Hilfe ist der Waldkindi das geworden, was er heute ist. Im Moment stecken wir in den Vorbereitungen für den großen Tag der offenen Tür. Die Kinder studieren fleißig ihre Vorführungen ein, die Eltern organisieren, planen und kümmern sich um einen reibungslosen Ablauf. Das emsige Treiben erinnert an den großen Ameisenhaufen in der Nähe unseres Waldstücks. Am Tag der offenen Tür wird Stockbrot gebacken, Henry öffnet seine Tore, Kinder können im Wald spielen, mit Pfeil und Bogen schießen, sägen, feilen und im Ökomobil experimentieren. Es gibt einen Waldladen, leckeres Essen, kühle Getränke, Kaffee und Kuchen.

Ob wir den Tag der offenen Tür auch bei Regen feiern?

Kommen darf jeder. Wir freuen uns über neue Gesichter, großgewordene Waldkinder, Familien und einfach alle, die unseren Waldkindergarten kennenlernen und erleben wollen. Ob wir unseren großen Tag auch bei Regen feiern? Schmunzelnd sagen wir von Herzen : Ja.

 


Info
Der Tag der offenen Tür des Waldkindergarten Balingen e. V. findet am Sonntag, 2. April 2017 von 11 bis 17 Uhr auf dem Wanderparkplatz Binsenbol, im Wald und auf dem Waldkindi-Grundstück statt.


 

Copyright Bildmaterial: Waldkindergarten Balingen e. V.

0 Comments

  1. Vom Keller in den Club – #imländle

    23rd Jun 2016 - 12:05

    […] Aus Matsch wird Knete […]

  2. Sind wir nicht alle ein bisschen Barfuß? – #imländle

    7th Sep 2016 - 15:32

    […] Vom Leben im Waldkindi […]

  3. Der Roßberg. Ein kleines Paradies auf der schwäbischen Alb – #imländle

    18th Sep 2016 - 22:57

    […] Vom Leben im Waldkindi […]

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