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tschick tschick, dong, ding!

„Auf der Suche nach mir Selbst
erlangte ich Erkenntnis.
Nun geht es mir wie Adam selbst
ich muss gestehen ich verstehe nichts.“
Marios Kourtoglou 33 Jahre I Balingen
Marios lebt mit seiner Familie in Balingen. Neben seinem Job als Jugend- und Heimerzieher, ist er Capoeira-Trainer. Wie er vor vielen Jahren die Kampfkunst kennengelernt hat und warum er Capoeira in Balingen etablieren möchte, erfahren wir mit diesem Beitrag.

Tübingen im Jahr 2007. Ich stehe in der Hermann Hepper Halle. Mir gegenüber der Capoeira Trainer Sebastian Franz.

Er reicht mir einen 170 cm langen Stock aus brasilianischem Holz. Der Stock ist wie ein Pfeil und Bogen, mit einem Stahldraht aus Autoreifen, gespannt. Unten umfasst ein ausgehöhlter Kürbis mit einem Seil den Draht und berührt dadurch das Holz.

Da steh ich nun

Auf der Suche nach einer Sportart, die mein Herz berührt. In der linken Hand das schwere Holz und eine Münze, in der rechten eine Rassel und ein Stöckchen aus Hartholz. Fast alle Capoeiristas erzählen im Nachhinein über ihr ersten Kontakt mit dem Berimbau. Es ist kompliziert und schmerzvoll. Sie haben recht.

Nachdem ich mich bei meiner Begegnung an die ersten Grundrhythmen herantaste, soll ich portugiesisch singen: „Oi sim sim sim, oi nao nao nao“. Das heißt „oi ja ja ja, oi nein nein nein.

Anfangs finde ich alles komisch

Sehr seltsam denke ich, mache aber brav mit. Auch die Bewegungen empfinde ich als äußerst fragwürdig.

Kein Körperkontakt, immer in Bewegung und eine Turnübung nach der anderen. Ich sage nichts aber bin mir sicher: Wenn die anderen Sportarten nicht so teuer gewesen wären, hätte ich mich für Kickboxen oder Aikido entschieden. Was soll ich sagen, ich war damals Azubi und das Geld war knapp.

Ich glaube das war es, was mein Herz in der ersten Stunde am meisten berührt hat. Darum bin ich im Studio Angola und bei Trainer Franz hängengeblieben.

marios-kopfstand

Ich erinnere mich zu gut an die ersten Spiele und Trainingseinheiten. Nichts hat funktioniert, alles war kompliziert und ich hab mich tierisch über mich geärgert.

Was ist der Sinn des Spieles?

Ahnungslos bewegte ich mich, sang und spielte mit. Ohne einen Plan davon zu haben, was der Sinn des Spieles ist.

Erfahrene Capoeiristas machten sich einen Spaß daraus, mich in der Roda (Was ist das?) zu ärgern. Ich ließ mir meine Wut nicht anmerken. Schluckte sie runter und trainierte. Vier Jahre lang. Die Gruppe wurde währenddessen immer kleiner. Zum Schluss waren nur noch Sebastian und ich übrig.

In den Jahren der Zweisamkeit stellten wir uns oft die Frage, ob wir nicht besser aufhören sollten. – oi sim sim sim, oi nao nao nao -.

Aber wir machten weiter. Gingen an die Tübinger Uni und warben neue Mitglieder. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich mittlerweile mit meinem ganzen Herzen bei der Sache war. Unsere Leidenschaft schien ansteckend zu sein. Immer mehr folgten uns. Dieses Jahr feierte die Gruppe ihr 10-jähriges Jubiläum.

Ich bin in einer Sinnkrise

Im Jahr 2013 geriet ich in eine Sinnkrise. Ich zog mich zurück und legte eine zweijährige Capoeira Pause ein. In dieser kreativen und schöpferischen Auszeit baute ich irgendwann aus einem Weidenstock, einer Klaviersaite und einer Edelstahlkugel (aus dem Gartencenter) mein Berimbau. Die Klänge, die es spielt, hören sich übrigens ziemlich gut an.

stock

Spiele wieder

Mein Spiel wird mit Mandinga in Verbindung gebracht. Einen Mandigeiro nennt man mich. Mandinga heißt übrigens Zauberei.
Manche empfinden Spaß, wenn sie mit mir spielen. Andere hingegen meiden mich. So spielt das Leben, so spielt Capoeira.

Wenn ich Gesellschaftsspiele mit meinem Spiel im Capoeira vergleiche, erkenne ich Parallelen. Ich spiele nicht, um zu gewinnen. Beim Uno zum Beispiel schummle ich, damit das Spiel in die Länge gezogen wird. Aus Spaß am Spiel mit anderen Menschen.

Mein Spiel ist von Intuition, Kreativität, und Freude geprägt. Während andere auf Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, körperliche Flexibilität trainieren, lasse ich los.

Lasst uns gemeinsam spielen

spiele-mit-euch

Die Idee, eine eigene Gruppe zu gründen und noch mehr Menschen für die Kampfkunst zu begeistern, war immer schon ein großer Traum. In den letzten Jahren wurde er zu einem konkreten Plan, den ich seit einiger Zeit in die Tat umsetze.

Balginga Capoeira. Mit diesem Namen möchte ich in Balingen Capoeira etablieren. Der heute noch ursprüngliche Name Balingens aus dem Jahr 863-864 und der Grundschritt Capoeiras “Ginga“ verschmelzen zu einem Wort. Wer zu mir kommt lernt den Fokus auf das Spiel und sich selbst zu lenken. Selbstverständlich wird das Kämpfen, die Verteidigung und die Fitness trainiert.

Das ist meines Erachtens ein positiver Nebeneffekt. Der erstens schneller als man denkt, zweitens von allein und drittens nicht gezwungen stattfindet. Beruflich bin ich als Jugend- und Heimerzieher tätig. Das pädagogische Wissen lasse ich zudem in die Trainingseinheiten meiner Gruppe einfließen.

Schwäbisches Capoeira

Viele Capoeiristas sind der Meinung, dass Capoeira nur in Brasilien funktioniert. Sei es wegen der Mentalität, dem Essen oder der Sprache. Ich bin anderer Meinung. Kulturen waren und sind immer in Entwicklung und die Wahrscheinlichkeit der Verschmelzung ist größer als die der Abschottung.

Ein griechisch, deutscher Staatsbürger, der brasilianische Kampfkunst im schwäbischen Balingen anbietet. Das nenne ich Verschmelzung. Oder was meint ihr?

Vielleicht sehen wir uns bald und ich reiche euch den Stock.

#imländle erfahrt ihr bald mehr. Über den Ursprung von Capoeira und was hinter der Kampfkunst steckt.

Euer Marios

By the way – die Bilder und das Videomaterial haben wir einem jungen, talentierten Fotograf aus Balingen zu verdanken. Ihr findet ihn hier.

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2 Comments

  1. Capoeira – Kampf der Sklaven – imlaendle.me

    1st Mrz 2017 - 13:07

    […] die Kampfkunst kennengelernt hat und warum er Capoeira in Balingen etablieren möchte, erzählt er in diesem Beitrag. Heute reisen wir bis nach Brasilien und erfahren mehr über die Entstehungsgeschichte der […]

  2. Was ist Capoeira? – imlaendle.de

    8th Aug 2017 - 8:31

    […] Marios Kourtoglou lebt in Balingen. Seine Leidenschaft ist die Capoeira. Hier erzählt er uns, was es mit der brasilianischen Kampfkunst auf sich hat. Wer weiß – vielleicht lernt ihr ihn bei einem seiner nächsten Kurse persönlich kennen. […]

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