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Heimatkunst

Albmalermuseum Münsingen

Vor einigen Wochen wäre mein Augenmerk vorrangig auf den prunkhaften Rahmen dieses Gemäldes gefallen. Mein Gedanke: Ein knalliges Pop-Art Poster würde ihm äußerst gut stehen. Nach meinem Besuch im Albmaler Museum hat sich dieser Gedankengang geändert. Die Einfassung ist seither nebensächlich. Mit ihr wird lediglich das umrahmt, was die Geschichte unserer Heimat ist.

Um mehr darüber zu erfahren, reisen wir nach Münsingen. Mitten im Biosphärengebiet der schwäbischen Alb liegt das ehemaliges Militärgebiet. Auf 65 Hektar stehen 150 denkmalgeschützte Backsteinhäuser. Im Jahre 1895 erbaut wird die Siedlung nun mit neuem Leben erweckt.

Schon heute lohnt sich ein Ausflug. Man spürt den frischen Wind, der durch die geschichtsträchtigen Gemäuer weht. Das Albmalermuseum hat seine Pforten bereits geöffnet.

Martin Rath ist einer der ersten Siedler, die sich auf dem Albgut niedergelassen haben. Ich habe es mir nicht nehmen lassen und den Reutlinger im Backsteingebäude OF 7 besucht.

Als ich die erste Runde durch das Museum schlendere und dabei die Gemälde betrachte, verspüre ich wenig Euphorie. Ich kann mich vage an den Hirsch über Opas schwerem Esstisch erinnern.

Der hat mir in Kindertagen ähnlich entgegen geröhrt wie der Bock, vor dem ich hier im Museum stehe.

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Christian Haug

Viele Landschaftsbilder, Tiere, Menschen und ein bisschen abstrakte Kunst.

Und mitten drin der Herr Rath. Als er mich durch die Gänge führt, mir die Geschichten erzählt, ich mir Zeit nehme und die Werke wirken lasse, begreife ich die Wertigkeit unserer Heimatkunst. Jetzt sehe ich mehr als den Prunk, der das Wesentliche umrahmt.

Wie lebten unsere Vorfahren?

Ich stehe vor dem Nachlass unserer Vorfahren aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Namhafte Künstler, die unsere Region mit ihrem Pinsel interpretierten und verewigten. Zum größten Teil mit viel Liebe zum Detail und realistisch auf Leinwand gebracht.

Dort wo heute Wanderer Rast einlegen, Jogger durchatmen, den Ausblick und die Ruhe genießen, saßen damals die Maler. Sie hielten das fest, was wir in einer anderen Zeit, aber vermutlich mit ähnlichen Gefühlen erleben.

Durch ihre Bilder dürfen wir daran teilhaben, wie sich unsere Heimat über die Jahre hinweg entwickelt hat. Ortschaften in denen wir leben, waren zu jener Zeit kaum besiedelt. Bei genauem Hinschauen erkennen wir sie trotzdem wieder. Wo wir Zuhause sind malten Künstler ihr Heimatgefühl nieder.

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Elli Maria Nitschke I Blick auf Lautlingen

Auf den ersten Blick mögen Hirsch, Gaul und Ochse bieder wirken. Aber darum geht es nicht. Es dreht sich um viel mehr:

Wir schreiben #imländle die Geschichte in der Gegenwart. Ist es nicht spannend, sich mit jenen auseinander zu setzten, die ihre in unserer Heimat schrieben? Auch ihr Leben spiegelt sich auf den Leinwänden wider. Und dieses war auf der rauen Alb übrigens weitaus weniger komfortabel als im 21. Jahrhundert.

„Viel Stein gab’s, und wenig Brot“, sagte einst Ludwig Uhland über die Armut der Region. Die Bauern kämpften mit Wind, Boden und Klima um ihren landwirtschaftlichen Anbau. So zog ein mittelloser Kleinbauer seinen Karren selbst. Wer sich Pferd oder Ochse leisten konnte, dem ging es in der Regel um einiges besser.

Mit diesem Wissen schaue ich die Gemälde und nicht mehr den Rahmen an. Was ich sehe wird lebendig, spannend und bedeutend.

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Anton Denzel

Wie lebten die Künstler?

Allzu lange ist das alles nicht her. Wir sprechen von nicht einmal 100 Jahren. Das Dasein dieser Menschen ist Vergangenheit. Sie gaben ihr Lebenswerk und ihre Erfahrungen an die nächsten Generationen weiter. Heute sind wir dran. Geprägt von einer Mentalität, die damals geschaffen wurde.

Die Künstler, denen wir im Albmalermuseum begegnen, konnten zum größten Teil von Ihrer Malerei leben. Ist es nicht aufregend, sich vorzustellen, wie sie es taten?

Jakob Plankenhorn zum Beispiel malte am liebsten Alblandschaften. Er fuhr soweit ihn sein Fahrrad brachte. Ich überlege mir ernsthaft, wie er das gemacht hat. Malte er vor Ort lediglich Skizzen ? Oder hat er die Leinwand und Ölfarben in einem Rucksack auf den Rücken geschnallt? Wie lange saß er dann in der Pampa, bei Wind und Wetter, um einzufangen, was er sah?

Oder Elli Maria Nitschke. Sie besuchte 1938 die Malschule in Schömberg. Wie ging der Unterricht von statten? Und was haben die Eltern gesagt, als sie sich für ihre künstlerische Berufung entschied? War der Gedanke, von Kunst zu leben, genauso verrückt, wie heute viele meinen?

Gar nicht verrückt war ein „echten Schickhardt“ im Salon. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte es eine Zeitlang fast zum guten Ton, einen im Salon oder im Boudoir hängen zu haben.

Karl Schickhardt war Dozent an der Kunsthochschule in Stuttgart. Er malte voller Begeisterung ausschließlich schwäbische Landschaften. Einer seiner Lieblingsmotive war unsere schwäbische Alb.

So gäbe es von jedem Künstler eine Anekdote zu erzählen. Springen wir über unseren stylischen Schatten und lassen die Werke im Albmalermuseum wirken, erzählen sie selbst die kunstvolle Geschichte unserer Heimat.

1 Comment

  1. Radiotagebuch No. 2 – #imländle

    28th Nov 2016 - 10:54

    […] Albmaler Museum Münsingen – Ist nur der Rahmen schick? […]

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