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Ein Monsieur im Ländle -Monsieur steigt die Senf-

Ein Monsieur im Ländle -Monsieur steigt die Senf-

Kolumne Brezel trifft Baguette & Mops  I Silke Porath I Balingen

Monsieur hat es gerade gar nicht leicht. Erstens, weil seine Madame ein neues Buch schreiben darf und zweitens, weil seine Madame ein neues Buch schreiben darf. Drittens bis drölfzig genau so. Weil nämlich Madame (also ich) dann mit ganz anderen Menschen in einer ganz anderen Welt fühlt, lacht, leidet und ja, auch spricht.
Das geht so: Monsieur sitzt in der echten Welt in unserem echten Wohnzimmer. Madame kommt herein und sagt zu jemanden, den nur sie sehen kann und der den ganzen Schreibtag lang gezickt hat: „Du kannst mich mal.“ Dann zuckt mein Lieblinsgallier zusammen und ruft entsetzt: „Isch? Wieso?“ Eine Antwort bekommt er meistens nicht. Wozu auch, ich hab ja nicht mit ihm geredet.

Franzosen sind sehr kommunikativ. Meiner sowieso. Und weil ich so viel mit anderen rede, ergreift Monsieur ganz oft die Flucht. Draußen im echten Leben gibt es schließlich normale Menschen, mit denen ein normales Gespräch möglich ist. Wenn er dann wieder zurückkehrt in unser französisches Territorium mitten im Ländle, weiß er trotzdem nichts Neues. Weil er ein Mann ist. Und Männer können sich ja stundenlang unterhalten, ohne etwas zu sagen. Sie kennen das. Trotzdem erfahre ich eine Menge darüber, wie sein Tag war.
„Misch steigt die Senf“ heißt zum Beispiel: nicht so berauschend. „Das bringt misch auf die Tür“ will heißen, dass Monsieur sich aufgeregt hat. „Da ist eine Aal unter die Stein“ sagt er, wenn was im Busch ist. Doch, Monsieur spricht für einen Franzosen perfektes Deutsch. Mehr kann eine Teutonin nicht verlangen vom Gatten, der sich das Schwäbische selbst beigebracht hat. Dass er die französischen Redenarten eins zu eins übersetzt könnte uns reich machen. Wir müssten nur solche Postkarten drucken lassen, die es fürs Englische schon gibt. I think my pig whistles und so.

Ich habe mir neulich ein Wörterbuch mit französischen Redenarten gekauft. Das ist fast so lustig wie Monsieur in echt. La Grande Nation hat nämlich nicht die Nase, sondern die Tasse voll. Ist ihnen unbehaglich, dann fühlen unsere geografischen Nachbarn sich nicht in ihrem Teller. Und wenn sie ein Problem haben, sitzen sie nicht in der Tinte, sondern im Backtrog. Merken sie was? Genau: die gallische Gemütslage ist ganz eng verbunden mit dem Essen. Ist alles im Eimer, sagt der Franzose: „Das ist das Ende der Bohnen.“

Klar kann man das auch missverstehen. Und einen hungerleidenden Franzosen zu Hause haben. Der hat mir nämlich neulich erzählt, dass er mal wieder auf die Barrikaden geht, das kann er genetisch bedingt ja sehr gut. Also das wollte er sagen. Aus seinem Mund kam aber: „Isch mache eine ganze Speise.“ Übersetzt für Madame hieß das: „Geh in deine Parallelwelt, ich kümmere mich ums Essen.“
Ich tippte mich also dem großen Hunger entgegen. In der Küche blieb er merkwürdig still. Überhaupt im ganzen Haus. Monsieur war gar nicht da. Der rettete die echte Welt. Madame hat’s nur nicht mitbekommen. Und saß am Abend mit einem missmutigen verhungernden Gatten im Wohnzimmer in der Brotsuppe. Will heißen: es ging Monsieur wirklich, wirklich dreckig. Sein Magen ein einziges Loch, die Laune am Gefrierpunkt. Erst ein Telefonat und eine Pizza später wurde aus meinem Hungerhaken wieder ein Lebewesen.

Ich habe den Abend in meiner Stammkneipe und die Nacht in meiner Lieblings-WG verbracht. Ist ja nur ein Katzensprung vom Sofa zum Computer, wo der Mops möppelt. Mit dem muss ich nie Gassi, der braucht kein Futter und haart nicht. Als ich den Vertrag für das Buch unterschreiben durfte, hat Monsieur sich mitgefreut und gerufen: „Isch fall in die Äpfel!“

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Silke Porath und Monsieur haben übrigens einen echten Mops adoptiert. Bis Beaudelaire Napoléon ins französische Territorium einzieht, vertreibt die Autorin sich das Warten mit Schreiben. Ach und raten Sie mal, wer den Namen für den Neuzugang ausgesucht hat…

Das neue Mopsbuch erscheint 2017 bei Weltbild. Exklusiv für #imländle gibt es hier einen weiteren Auszug aus dem Manuskript:

 

(…) Als ich meine bleischweren Lider öffne, ist es draußen dunkel. Erschrocken setze ich mich auf, weiß für einen Moment nicht, wo ich bin. Lausche automatisch nach Zita. Und höre sie giggeln. Im nächsten Moment fällt Arne mit seinem warmen Lachen ein, gefolgt von Earls heiserem Kläffen. Ich gähne und fühle mich ganz anders, als in den vergangenen Monaten. Irgendwie wacher. Mehr wie ich selbst. Das ist ein Gefühl, das so schön ist, dass ich gleich wieder heulen könnte. Das lasse ich aber lieber sein, sondern schleiche aus dem Zimmer und spicke in die Küche. Rolf steht am Herd, auf dem ein übergroßer Topf brodelt. Chris faltet die Servietten zu kleinen Schwänen. Arne hat Zita auf dem Schoß und lässt sie auf und ab wippen. Mudel und Earl beten Rolf aus bettelnden Hundeaugen um ein Stück Wurst an.

„Wie schön!“, rutscht es mir raus und sechs Köpfe fahren herum.
„Guten Morgen Prinzessin!“, begrüßt Rolf mich.
„Hallo Schatz, du halt mal eben.“ Arne springt förmlich auf und drückt mir unsere gemeinsame Tochter in den Arm. Die natürlich zu greinen anfängt. Der Kindsvater sprintet zum Kühlschrank und grabbelt sich eine Flasche Bier heraus. Öffnet sie mit den Zähnen und wirft den Kopf nach hinten. Als genug Gerstensaft in ihn reingelaufen ist, rülpst er leise.

„Papa braucht auch mal ein Fläschchen“, grinst er mich an.
„Mama auch.“ Das war Chris, der jetzt fertig ist mit der Serviettenfaltung. Er nimmt mir Zita ab und befiehlt mir geradezu, den Prosecco aus dem Gefrierfach zu holen. Arne bekommt gar nicht mit, dass Chris ihn missbilligend ansieht. Wie auch, er springt ja beinahe in den Eintopf, den Rolf zaubert.
„Sorry, nur Reste“, entschuldigt der sich. „Wir hatten keine Zeit zum Einkaufen.“ Er zwinkert seinem Mann zu. Chris wird ein kleines bisschen rot, setzt aber nach: „Wir hatten auch sonst kaum Zeit…“

„Ist ja gut“, falle ich ihm ins Wort und entkorke die Flasche. Als es ploppt, fühle ich mich fünf Jahre jünger. Und als ich das erste Glas intus habe, fast wieder wie ich selbst. Vor zehn Jahren. Unbemannt, unbemuttert. Aber ich. Ich ganz allein. Gut, damals hatte ich Rolf und Chris noch nicht und auch keine Ahnung, wie anders das Leben mit einem Mops und seinem Abkömmling ist. Und ich hatte Arne noch nicht, den ich trotz allem abgöttisch liebe. Aber ich hatte Größe 36. Keine Falten. Und deutlich mehr Spaß. Auch im Bett. Okay, die meisten Kerle waren in dieser Hinsicht ein Witz, aber immerhin hatte ich Sex. Wenn die Flaute bei Arne und mir weiter andauert, muss ich mich wahrscheinlich ein zweites Mal entjungfern lassen.

„Jetzt schau nicht so“, sagt Arne und schüttelt den Kopf.
„Wie schaue ich denn?“, gebe ich patzig zurück.
„Ja, so halt.“ Arne zuckt mit den Schultern. Und ich muss ganz tief Luft holen, um ihm nicht ins Gesicht zu springen. Das würde ich gerne, tue es aber aus Rücksicht auf Rolf und Chris nicht. Immerhin hatten die seit langem mal ein freies Wochenende. Dafür haben sie sogar ihr Lokal „Zum fröhlichen Laubenpieper“ in der Schrebergartensiedlung ganze drei Tage geschlossen. Was ähnlich ist, als ob eine Mutter ihr Baby mal eben drei Tage in den Keller legt, um auf die Rolle zu gehen. Klar, die beiden arbeiten den ganzen Tag zusammen, aber das ist ganz und gar nicht das gleiche wie ein schickes Hotel in einer schicken Stadt. Und dieses Nach-Grooven eines genialen Wochenendes will ich meinen liebsten Jungs und Paten meiner Tochter ganz bestimmt nicht versauen.
„Was gibt’s denn nichts Besonderes?“, wechsle ich das Thema und versuche, so fröhlich wie möglich zu klingen.

„Erbseneintopf“, sagt Rolf und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Rolfs Eintopf ist der beste in ganz Stuttgart und einer der Renner auf der Speisekarte im Laubenpieper. Zum Glück hat er immer ein paar Portionen zu Hause eingefroren. Und so kann ich mich über einen dampfenden, schmackhaften Teller hermachen. Und das auch noch mit beiden Händen und in einer für die Bandscheiben angenehmen Haltung, weil Zita in Chris‘ Arm eingeschlafen ist.
Während des Essens erzählen Rolf und Chris, was sie in Köln alles erlebt haben. Viel war das nicht, denn die meiste Zeit haben sie tatsächlich im Hotel verbracht. Immerhin gibt es einige Beweisfotos, auf denen die beiden an der Domplatte zu sehen sind und Rolf führt uns stolz die Errungenschaften des Shoppens vor. Drei Pullover, vier Hemden und jede Menge Shirts. Die beiden haben das Glück, sich nicht nur zu lieben, sondern auch noch die selbe Konfektionsgröße und den selben Geschmack zu haben. Ein Traum! Ich schiele immer wieder zu Arne. Vielleicht bewegt ihn ja die romantische Erzählung zu einer ähnlichen Idee? Zita ist ja irgendwie aus dem Alter raus, in dem die Mama hundert Stunden am Tag rund um die Turmuhr für sie da sein muss. Und da wir ja auf die Hunde aufgepasst haben, böte sich doch ein Tausch mit Baby an. Ich lächle Arne an. Der lächelt tatsächlich zurück und nimmt meine Hand.
„Ich muss dir was sagen.“
Oh. Ja? Ja!
„Ja?“
„Ich habe gekündigt.“
„Was?“ Moment mal, habe ich das richtig verstanden?
„Habe ich das richtig verstanden?“
„Ich habe mein Arbeitsverhältnis aufgelöst“, sagt Arne ganz ruhig und sieht mich an.
„Aber warum?“, kommt Rolf mir mit der Gretchenfrage zuvor. Immerhin ist Arne als Tierarzt in der Wilhelma angestellt, also quasi Tierarzt im Beamtenstatus. Und war doch bis gestern ganz begeistert von der neuen Zebraherde, die er im Stuttgarter Zoo ansiedeln wollte?

„Weil ich… also…“ Arne räuspert sich. Chris parkt Babyzita im Stubenwagen und schiebt sie in den Flur. Er macht das so leise und geschmeidig, dass ich wieder einmal denke, er wäre die bessere Mutter. Denn meine Versuche, meine schlafende Tochter von meinem Arm in ein Bett zu befördern, enden regelmäßig mit Protestgeschrei. Mir ist jetzt auch nach Geschrei. Innerlich wälze ich mich tobend auf dem Boden. Äußerlich gebe ich mich erwachsen.
„Ich kann nicht als Angestellter arbeiten.“ Arne nickt in die Runde. Und, schwul hin oder her, Rolf und Chris stimmen ihm Männer-solidarisch nickend zu. Ging den beiden ja auch so, weswegen aus Postbote Rolf und Florist Chris die Pächter vom Laubenpieper und damit angesagte Szenegastronomen wurden. Bei Arne sieht das ein bisschen anders aus, er war bei der Stuttgarter Tierrettung angestellt, forschte in Bolivien nach irgendwelchen Bulldogfledermäusen und war ganz begeistert über das Angebot der Wilhelma. Geregelte Arbeitszeiten. Geregeltes Gehalt. Das vor allem – schließlich hat er Frau und Kind zu ernähren!
„Und… ich meine… wie stellst du dir das vor?“, sage ich betont ruhig, während vor meinem inneren Auge unsere letzten Kontoauszüge aufploppen. Schwarze Zahlen gehen definitiv anders, aber die Ausstattung für Zita hat eine Menge Geld verschlungen und tut es noch und seit dem ich nicht mehr kellnern gehe, fehlt ein heftiger Batzen Trinkgeld in der Familienkasse.
„Gute Frage“, pflichtet Chris mir bei.
„Also, das ist so“, sagt Arne. Und wenn Arne den Satz sagt, dann kommt eine Rede von epischem Ausmaß. Weswegen Rolf und Chris ihm mit Handzeichen gebieten, erst dann weiter zu sprechen, wenn die Trinkvorräte ausreichend aufgestockt sind.

©Silke Porath

 

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