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Das Leben mit einer Depression

Das Leben mit einer Depression

Jochen Schulz I Balingen

 

Jochen Schulz bekam die Diagnose „depressiv“ als er gerade einmal 16 Jahre alt war. Seither ist viel Zeit vergangen und der Balinger hat gelernt mit der Krankheit umzugehen. Und mehr als das. Er lässt Andere an seinen Erfahrungen teilhaben. Veröffentlichte ein Buch, schreibt einen Blog und entwickelt eine App für depressive Menschen. In seinem Beitrag klärt er über die Krankheit auf und erzählt wie es ihm damit ergangen ist.  Vielen Dank für deine Offenheit, lieber Jochen.

Fast jeder kennt jemanden in seinem Umfeld, der an einer Depression erkrankt ist. Tragische Beispiele wie der Suizid von Robert Enke zeigen auf erschreckende Weise wie gefährlich diese Krankheit sein kann. Wir alle haben noch die Worte im Ohr, was sich alles verbessern sollte.

Fast 7 Jahre nach Enkes Suizid fällt das Fazit jedoch ernüchternd aus, Noch immer ist die Depression mit einem Stigma behaftet. Betroffene haben Angst sich zu öffnen, schämen sich, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Der Druck in der Gesellschaft wird immer größer, Schwäche zu zeigen ist verpönt. Und so funktionieren depressive Menschen immer weiter bis sie irgendwann an der Last zerbrechen.

Viele Menschen können es nicht nachvollziehen, dass eine Depression weit mehr ist als einfach mal traurig zu sein. Wer von Depressionen verfolgt wird, fühlt sich müde, niedergeschlagen und motivationslos. Des Weiteren verfolgen einen immer die gleichen Gedanken 24 Stunden lang. Gerade dieses ständige Grübeln, nicht zur Ruhe kommen, ist typisch für eine Depression. Deswegen sind Sätze wie „das wird schon wieder“ oder „stell dich nicht so an“ absolut kontraproduktiv. Gerade diese Äußerungen können Betroffene in eine noch tiefere Depression rutschen lassen.

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Die Gesellschaft muss verstehen, dass es sich bei einer Depression um eine normale Krankheit handelt, die jeden betreffen kann. Ich hoffe, dass man eines Tages den Satz „Ja ich habe eine Depression“ sagen kann, ohne dass man schief angeschaut wird. Denn als ich selber diesem Druck nicht mehr standhalten konnte, erkrankte ich selber an einer Depression.

Die Diagnose habe ich von meinem Hausarzt erhalten, als ich 16 Jahre alt war. Ich hatte schon längere Zeit mit Kreislaufbeschwerden zu kämpfen. Dass die Ursache hierfür eine psychische Erkrankung sein könnte, war mir nicht bewusst. Nur meinem Hausarzt habe ich es zu verdanken, dass ich heute mit 26 Jahren noch am Leben bin. Aber auch der schreckliche Tod von Robert Enke hat mich wachgerüttelt. Denn durch seinen Tod ist auch mir klar geworden, dass mit mir irgendwas nicht stimmt und ich mir dringend medizinische Hilfe suchen muss.

Dazu muss man wissen, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon öfters Selbstmordgedanken hatte und mit dem Gedanken gespielt habe, meinem Leben ein Ende zu setzen. Still und allein, ohne Aufsehen zu erregen, das waren meine Vorstellungen von einem perfekten Suizid. Allerdings war ich froh, dass ich endlich den Grund für meine suizidalen Gedanken erfahren habe und mir wurde bewusst, dass die Krankheit diese Gedanken ausgelöst hat und diese mit der Realität nichts zu tun haben.

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Meine Symptome, dass ständige Grübeln, die Traurigkeit, keinen Antrieb für die kleinsten Dinge zu haben, ergaben auf einmal einen Sinn. In der Therapie lernte ich mein negatives Gedankenmuster zu durchbrechen und positive alternative Gedanken zu entwickeln. So konnte ich mit negativen Erlebnissen im Alltag besser umgehen.

Nach einiger Zeit konnte ich mir so mein Leben Stück für Stück zurück erkämpfen. Ich konnte endlich wieder Freude empfinden und mich für neue Hobbys begeistern. Durch die positiven Gedanken bekam ich immer mehr Selbstbewusstsein und mein Antrieb kam zurück. Jeder noch so kleine Meilenstein den ich erreicht habe, bestärkte dieses positive Gefühl. Mit Hilfe einer erlernten Entspannungstechnik kann ich mich in schwierigen Situationen beruhigen.

Bis ich jedoch einen lebensrettenden Therapieplatz gefunden hatte, musste ich einen unerbittlichen Kampf gegen die Krankenkassen führen. Leider geht es vielen Betroffenen so. Die ambulante Versorgung von psychisch kranken Menschen ist eine Katastrophe.

Wartezeiten von 3-6 Monaten sind an der Tagesordnung. Deshalb weichen viele auf Psychotherapeuten aus, denen aber leider die Kassenzulassung fehlt. Zwar gibt es eine Möglichkeit, über das Kostenerstattungsverfahren die Kosten für die Therapie von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen, jedoch wird die Kostenübernahme meistens aus Ersparnisgründen abgeschmettert. Meistens wird man mit einer Therapeutenliste oder einer Vermittlungsstelle für Therapieplätze vertröstet.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur dazu raten, hier sein Recht einzufordern, denn es gibt einen rechtlichen Anspruch auf Kostenerstattung, wenn die Dringlichkeit der Therapie nachgewiesen werden kann. Wichtig dabei ist sich eine Liste von Therapeuten mit den dazugehörenden Wartezeiten zu notieren.

Diese wird dann zusammen mit dem Antrag bei der Krankenkasse eingereicht. Allerdings kann ich den Betroffenen aus eigener Erfahrung nicht viel Hoffnung machen. Sollte die zu erwartende Absage der Krankenkasse eintrudeln, hilft nur noch der Klageweg vor dem Sozialgericht.

Ich habe absolut kein Verständnis dafür, wie leichtfertig hier mit dem Leben depressiver Menschen gespielt wird. Die Krankenkassen pochen auf Zeit und vergessen dabei, dass Patienten, die an einer schweren Depression erkrankt sind, schnellstmöglichst therapeutische Hilfe benötigen. Es darf nicht passieren das Therapieplätze nur noch im Losverfahren vergeben werden, da die meisten Therapeuten auf Grund des hohen Andrangs gar keine Warteliste mehr führen und einen freien Therapieplatz einfach an den nächsten Anrufer vergeben. Die Folgen dieses Missstandes sind dramatisch. Jedes Jahr sterben 10 000 Menschen in Deutschland durch Suizid. 90 Prozent davon hatten eine psychische Erkrankung.

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Abschließend ist festzustellen, dass es noch viel Aufklärungsarbeit benötigt, um Depressionen zu entstigmatisieren und gesellschaftsfähig zu machen.

Denn gerade im Internet wird in vielen Kommentaren die Depression immer noch mit Faulheit gleichgesetzt. Und auch die Germanwings Katastrophe, bei der Andreas Lubitz 150 Menschen mit in den Tod gerissen hat, trug nicht gerade zur Entstigmatisierung der Depression bei.

Viel mehr entstand hierdurch in der Öffentlichkeit und in der Gesellschaft der Eindruck, dass von depressiven Menschen eine Gefahr ausgeht. Hier sollte allerdings nicht vergessen werden, dass Betroffene einfach nur krank sind und bestimmt keine Verbrecher.

Des Weiteren müssen die Therapiemöglichkeiten deutlich verbessert werden. Damit depressive Menschen schnellstmöglich Zugang zur dringend benötigten Therapie erhalten.

Das Schönste ist aber, jeder von uns kann etwas dazu beitragen, damit depressive Menschen nicht weiterhin stigmatisiert werden. Schon mit kleinen Gesten kann eine große Wirkung erzielt werden. Dass ich selber schlussendlich mit dem Schreiben meiner Depression entkommen konnte und ich so meinen Traumjob gefunden habe, ist natürlich ein positives Ergebnis mit dem ich nie gerechnet hätte.

 

 

 

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