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Von Paarbeziehungen

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Kolumne Rettertextle I Anne Retter I Albstadt

 

Kolumnenportrait

Aus und vorbei ist es mit Brangelina, aber auch mit ein paar ganz normalen Paaren im ganz normalen Leben. Es geht ja ständig irgendwo die Beziehung von irgendwem kaputt. So lange es nicht gerade Menschen betrifft, die uns persönlich nahe stehen – oder, Gott bewahre, gar uns selbst – ist das keine große Sache. „Liebe ist ein privates Weltereignis“, das hat Alfred Polgar geschrieben. Weltbewegend für die Betroffenen, allerdings wirklich nur für die, denn ansonsten kratzt es die Welt ja herzlich wenig, wer nun mit wem und was, wenn, ja wenn es nicht gerade Brad Pitt und Angelina Jolie sind. Das Traumpaar. Beide schön, reich, erfolgreich sogar. Idealistisch, engagiert, sechs Kinder – und trotzdem so schön, so reich, so erfolgreich. Da könnte man glatt neidisch werden, äugt misstrauisch auf das Sichtbare, aber doch, es hält, es hält und hält und dann seufzt man erleichtert und denkt: Endlich. Es ist also möglich, wirklich alles zu haben. Dann muss ich mich ja nur ein bisschen mehr anstrengen. Und nun die große Ernüchterung: Vielleicht ist es das aber doch nicht.

 

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder Ehejubilare interviewt und ich frage sie immer, wie es ihnen gelungen ist, ein halbes Jahrhundert oder noch länger verheiratet zu bleiben. Und nun gibt es die, die sagen: Ach, wir hatte immerzu eine Menge Dinge zu bewältigen. Jetzt sind wir zusammengewachsen, aneinander gewöhnt, das ändert man dann auch nicht mehr, zu welchem Zweck denn. Irgendwo nötigt mir das einen gewissen Respekt ab: Wie unverblümt und ehrlich, wie klar die beiden Ehepartner das für sich sehen und sagen – Hut ab für diese schonungslose Aufrichtigkeit. Respekt auch dafür, dass man sich gemeinsam durch ein mitunter gar nicht mal so witziges Leben schlagen kann, in Anerkennung des Umstandes, dass das zwar nicht die große Liebe ist, aber immerhin ein tauglicher Kampfgefährte – man weiß, was man aneinander hat. Kein Aufbegehren, kein Drama von Nöten. Eine „reine Beziehung“, wenn man es mit Anthony Giddens sagen will, jeder weiß, was er am anderen hat, mehr braucht es auch nicht. Der ehemalige Cambridge-Soziologieprofessor schrieb in seinem 1992 erschienen Buch: „Partnerschaftliche Liebe ist aktive, kontingente Liebe und deswegen ist sie nicht vereinbar mit romantischen Formulierungen wie ‚für immer‘ oder ‚der oder die einzige‘. Die ‚Trennungs- und Scheidungsgesellschaft‘ von heute erscheint eher als ein Ergebnis der partnerschaftlichen Liebe denn als ihre Ursache. Je mehr die entwickelnde, partnerschaftliche Liebe reale Möglichkeit wird, desto mehr weicht die Suche nach der ‚besonderen Person‘ der nach der ‚besonderen Beziehung‘.“  (Anthony Giddens: Wandel der Intimität: Sexualität, Liebe und Erotik in modernen Gesellschaften“, Fischer-Verlag 2016). So wie ich ihn verstehe, soll das heißen: Es kommt in einer partnerschaftlichen Beziehung darauf an wie man sie gestaltet, nicht zwingend darauf, mit wem man sie führt. Geht es also darum, dass eine Beziehung entweder dauerhaft oder auf Liebe gegründet werden kann – aber nicht beides? Entweder die „reine Beziehung“, eine Zweckverbindung, oder die zwar förderliche, vielleicht auch durchaus achtsame partnerschaftliche Beziehung ohne den Anspruch daran, einander zu lieben?

Einer der erfolgreichsten Beziehungsratgeber im deutschsprachigen Raum heißt: „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“ (Eva-Maria Zurhorst). Das klingt zunächst ähnlich wie das, was ich aus meiner spärlichen Giddens-Lektüre schlussfolgere, aber bei genauer Betrachtung offenbart sich eine andere Blickrichtung: Immerhin darf man jetzt zumindest wieder Wert auf Liebe legen, wenn auch auf die für sich selbst. Und dann: Nicht die Beziehung ist die zentrale „Baustelle“, sondern immer ich. Egal mit wem ich mich zusammentue, ich nehme immer mich unperfektes Menschenwesen mit zu einem anderen, andersartig unperfekten Menschenwesen. Ja, man kann viel darüber nachdenken und anerkennen, dass an all diesen Gedanken eine Menge Wahres dran ist. Haben es die Jubilare nicht gesagt? Goldene Hochzeit dank goldenem Pragmatismus.

Was ich Ihnen aber bisher verschwiegen habe: Einiger der von mir interviewten Paare haben auf meine Frage nach dem Geheimnis ihrer Partnerschaft geantwortet: Wir haben uns geliebt vom ersten Moment an, wir sind zusammen gewachsen und die Liebe hat uns getragen, was immer auch kam. Ja – man merkt es ihnen an. Man kann vielleicht nicht alles haben, aber eine gemeinsame Lebensgeschichte, die auf Liebe errichtet wird, die schon. Fragen Sie mal ihre Nachbarn, ihre Großeltern oder Eltern – vielleicht finden Sie ja da bestätigt, was das Ende von Brangelina Ihnen hat nehmen wollen: Die Gewissheit, dass es möglich ist. Und wissen Sie, was ich noch immer frage? „Was ist das Wichtigste in einer Ehe?“ Und alle, ausnahmslos, antworten: Viel reden, Geduld haben, gemeinsam entscheiden und die Andersartigkeit des Gegenübers akzeptieren. Gemeinsame Pläne, Interessen und Freiräume für jeden Einzelnen schaden im Übrigen auch nicht.

That’s all, Folks!

Ihre Anne Retter

PS: Damit darf ich mich als Kolumnistin an dieser Stelle verabschieden. Es gibt so viele neue, spannende Entdeckungen zu machen – da darf man sich auch ab und zu mal trennen. 😉

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