Bleib in Verbindung

Die Neusten

Ich bin dann mal weg.



Was ist Capoeira?


Wild zerrissen und tief berührt

Wild zerrissen und tief berührt

Musik & Kunst I Ernst Ludwig Kirchner I Balingen
Vor wenigen Wochen stehe ich vor seinem Selbstbildnis. Starre in seine Augen und flüstere flapsig: „Was ist los mit dir?“. Unbedarft schlendere ich durch die Ausstellung und an seinen millionenschweren Werken vorbei. Zu diesem Zeitpunkt kenne ich die Geschichten und die Bedeutung Kirchners Lebens nicht. Heute weiß ich mehr. Habe niemals damit gerechnet, dass Kunst dermaßen fesselnd ist.

 

 

Ernst Ludwig Kirchner war ein deutscher Maler und Grafiker und zählt zu den wichtigsten Vertretern des Expressionismus.

Was ist das überhaupt?

Expressionismus ist eine Stilrichtung der Kunst. Abgeleitet von dem lateinischen Wort expressio ‚Ausdruck‘.

Wie der Name schon sagt, will der Künstler mit seinem Schaffen „Etwas“ zum Ausdruck bringen. Nicht nur geschwind oder oberflächlich sondern in vollendeter Tiefe. Schließlich handelt es sich bei dem „Etwas“ um den eigenen Geist und die Gefühle.

Der Betrachter soll beim Anblick der Malereien emotional berührt und im besten Fall innerlich erschüttert sein.

Ich will wissen was Kirchner am Akt interessiert

Bei meinem Besuch in der Stadthalle Balingen, ausgestattet mit Pressemappe, lila Bildband und Kamera, lerne ich wie man Kokotte ausspricht und begutachte Kirchners millionenschwere Werke. Wirklich erschüttert bin ich nicht. Viel nackte Frauenhaut, Gekritzel und ein paar Fotografien von tanzenden, selbstverständlich nackten Damen.

An Kirchners Selbstportrait aus dem Jahre 1914 bleibe ich hängen. Ich blicke in die Augen des Mannes und er blickt düster zurück. Seine Gesichtszüge wirken müde. Er starrt mich an, ich starre zurück. Das Bild berührt mich. „Was ist los mit dir?“, frage ich ihn. Aber erst später werde ich herausfinden, warum er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lacht.

8 ELK Selbstbildnis 61629

Selbstbildnis

Michi und ich drehen ein paar Aufnahmen, eine Runde durch die Ausstellung und fahren heim. Ich beginne mit meinen Recherchen. Will erst einmal wissen, was den Kirchner am Akt fasziniert und werde fündig.

Anfang des 20. Jahrhunderts bricht er mit seinen Kollegen der Künstlervereinigung „Brücke“ künstlerisch aus der konventionellen Aktmalerei aus. Bis dahin war es üblich, dass die Modelle liegen, sitzen oder stehen und gefälligst still zu halten haben.

Mir kommt bei diesen Gedanken ein Bild in den Kopf: Ich sehe einen Stuhlkreis in einem kargen Raum mit hohen, Stuck verzierten Decken. Auf den Stühlen sitzen die Künstler, vor ihnen stehen die Staffeleien, in der Mitte die nackte, starre Schönheit. Wie viel Tiefe und natürlichen Ausdruck diese Vorgehensweise zulässt ist diskutierbar.

Fast ein bisschen wie ein Fotoshooting im Studio. Dort werden wir geschminkt, platziert und unsere Schokoladenseite strahlt in die Kamera. Das Resultat ist atemberaubend. Im echten Leben sehen wir anders aus – nicht schlechter, aber echter.

Das Echte ist es, was fasziniert

Und genau das Echte ist es, was die Expressionisten fasziniert. Deshalb wird das Atelier zum Lebensraum und umgekehrt. Die Maler der „Brücke“ treffen sich beispielsweise zum Zeichnen der „Viertelstundenakte“. Dabei darf das Aktmodell höchstens fünfzehn Minuten in einer Position verweilen.

 

3 ELK EH und OM beim Schach 61622

EH OM Schach

Kirchners Atelier gleicht einem Wohnraum. Es lädt die Modelle ein, sich frei und natürlich zu bewegen, während er den Pinsel schwingen lässt. Oftmals nur angedeutet, bringt er mit wenigen Strichen die Situation, den Busen, Rücken oder Gesichtsausdruck auf Papier.

Diese Art zu Zeichen und Malen beherrscht er mit völliger Souveränität. Für ihn ist es eine hervorragende Möglichkeit, sich auf das eigene Erleben zu konzentrieren. Was durchaus Sinn macht, wenn man bedenkt, dass er öfters das eigene Liebesspiel unterbricht, um den hitzigen Moment zu skizzieren. Mitten im Leben eben.

Was die Damen zu seinem Hechtsprung Richtung Zeichenblock sagten, werden wir nie erfahren. Klar wird dadurch jedoch, welche tiefe künstlerische Leidenschaft in Ernst Ludwig Kirchner steckte.

5 ELK Weibliches Modell 61655

weibliches modell

Eine Leidenschaft welche die Sonnen- aber auch die Schattenseite des Seins einfängt.

Kirchners Genialität begeistert

Je länger ich recherchiere, desto zerrissener bin ich. Einerseits packen mich die Geschichten. Die Genialität, die hinter seinem Können steckt, erweckt heftige Begeisterung.

Ich erinnere mich an das Gekritzel in der Ausstellung, welches nun längst keines mehr für mich ist.

Die Zeichnungen sind Momentaufnahmen aus Kirchners Leben in Berlin. Ich stelle mir vor, wie er Anfang des 20. Jahrhunderts durch die staubigen Straßen der damals vibrierenden Großstadtmetropole tigert. Droschken und knarrende Automobile kreuzen seinen Weg. Die Straßenlaternen blenden mit grellem Licht. Seine wachen Augen folgen Geschäftsleuten, Arbeitern und Huren, die eigentlich gar nicht existieren dürften, denn Prostitution ist verboten. Kirchner entlarvt mit seinem Zeichenstift die sogenannten Kokotten. Hält ihre Gesten und versteckten Einladungen auf Papier fest. Bewaffnet mit einem Notizblock saugt er auf, was er sieht und fühlt. Schmettert hektisch Skizzen von Eindrücken mit unglaublichen Details nieder. Ich frage mich, was in seinem Kopf vorgeht. Wie viele Gedanken ihn faszinieren, jagen, oftmals bis in das Tiefste plagen.

4 ELK Sich anbietende Kokotte 61884

ELW Kokotte

Würde mir ein junger Mann in der Stadt begegnen, der ständig damit beschäftigt ist, alles und jeden mit seinem Smartphone zu fotografieren, würde ich ihn am Ärmel zupfen: „Junge, schalt das Ding mal aus und genieße das Leben!“

Verweilen wir mit diesem Wissen vor den auf den ersten Blick etwas wirren Zeichnungen, erwachen sie zum Leben, mit ihnen Berlin und der empfindsame Geist von Ernst Ludwig Kirchner. Und meine Bewunderung.

Anderes empfinde ich als äußerst kritisch

Andererseits hinterfrage und verachte ich.

Lina Franziska (Fränzi) Fehrmann stößt im Alter von acht Jahren zu der Künstler-Vereinigung „Brücke“. Sie ist das bedeutendste Kindermodell und eine Muse von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein.*

Das Mädchen ist auf zahlreichen Werken abgebildet, oftmals nackt.

Auch wenn ich glaube, den Sinn der natürlichen, ursprünglichen Nacktheit verstanden zu haben, verspüre ich – unabhängig von der Epoche – Verachtung für diese Art von Kunst.

In Hinblick auf die Aktmalerei und Unschuldsvermutung erachte ich folgende Feststellung als treffend:

Die FAZ konstatierte eine „kulturelle Pädophilie“ der gesamten Epoche, eine im übertragenen Sinne Verliebtheit ins Kind unter anderem ausgehend von Ellen Keys Werk Das Jahrhundert des Kindes (1902), die jedoch nicht automatisch ins pädophile Handeln mündete. „Solange es für sexuelle Übergriffe der Brücke-Maler nur Indizien, aber keine Beweise gibt, wäre es vielleicht fruchtbarer, darüber zu diskutieren, inwiefern es als Missbrauch gelten muss, überhaupt Kinder posieren zu lassen, um zu Bildern ihrer Unbefangenheit, Nacktheit und Schamlosigkeit zu gelangen. Oder eben ihrer Scham – in beiden Bedeutungen des Wortes.“ Auch die Neue Zürcher Zeitung schrieb von einer „Art von ästhetisch-erotischer Ausbeutung Minderjähriger“, die problematisiert werden müsse. *

* Quelle Wikipedia
 
Ich reise gedanklich in Kirchners Zeit

Mit fadem Beigeschmack blättere ich im lila Bildband zum Selbstportrait von 1914, das ich vor wenigen Tagen im Original betrachtet habe. Welches mich im Herzen berührt hat.

Anstelle von meinem flapsigen „Was ist los mit dir?“, frage ich nachdenklich „Was erlebe ich mit deiner Kunst und dir?“.

Ich blättere weiter in dem Bildband und reise gedanklich in Kirchners Zeit.

Bin an ländlichen Seen, in Dresden, Berlin und Davos unterwegs. Spüre Lebensfreude, die Ernst Ludwig Kirchner durchaus erfährt. Erkenne wie sich seine Lebensphasen in seinen Gemälden und Zeichnungen widerspiegeln. Will die Eltern von Fränzi fragen, was ihr Kind bei einer erwachsenen Künstlervereinigung verloren hat. Überlege wie Erna ihren langjährigen Lebensgefährten Kirchner erlebt. Stelle mir vor, wie er mit Künstlerfreunden fachsimpelt und im Atelier zur Ruhe findet.

Bin geschockt von seiner Drogensucht und den tiefen Depressionen, die ihn mit Beginn des 1. Weltkrieges heimsuchen. Wie grausam mögen sich Angstzustände und Panikattacken anfühlen, wenn einem der Krieg eiskalt ins Gesicht lacht? Erkenne, wie heimtückisch sich Alkohol, Absinth und Medikamente in die Notwendigkeit des Überlebens schleichen können.

Denke an einen gebeutelten Mann, der im Sanatorium sitzt, auf Gesundheit hofft und dabei unermüdlich weiter zeichnet. Frage mich, wie schmerzvoll Lähmungserscheinungen sein können, wenn nur noch Morphium hilft. Erfahre, dass Kirchners Kunst von den Nazis als entartet bezeichnet wird. Kann im Ansatz erahnen wie tragisch dies ist.

Bin betroffen über die Tatsache, dass sein bedeutsames Leben von qualvoller Angst getrieben wird und mit Selbstmord ein freudloses Ende findet. Stelle mir Erna vor, als Ernst Ludwig vor ihr steht und sie anfleht mit ihm zu gehen. Frage mich, wie erträglich Stille für diese Frau ist, als er in den Wald geht und nicht mehr zurückkehrt.

7 ELK Schafherde 61632.jpg

Schafherde

Aufgewühlt blättere ich in dem lila Bildband ganz nach vorne, so als könnte ich die Zeit dadurch zurückdrehen, und bleibe wieder bei seinem Selbstbildnis von 1914 hängen.

Anstelle meiner flapsigen Frage „Was ist los mit dir?“ sage ich nun voller Überzeugung „Wahnsinnig viele Eindrücke schenkst du mir“.

Lerne zu verstehen

Es ist spannend und aufreibend sich mit der Ausstellung, Kirchners Kunst und seinem Leben zu beschäftigen. Und es ist nicht möglich, all das in einem Bericht in Worte zu fassen. Ich bringe lediglich einen Bruchteil meiner Gedanken, seines Lebens und seines künstlerischen Schaffens aufs Papier. Doch bereits dadurch erfahre ich mehr über einen der wichtigsten Vertreter des Expressionismus und lerne zu verstehen, welche Bedeutung diese Stilrichtung hat.

Kirchner_Portraitfoto.jpg

ELW Foto

 

Würde ich die Ausstellung einem Kunstbanausen wie mir empfehlen?

Unbedingt. Jedoch niemals ohne eine Führung oder Audioerklärung.

Einfach „nur“ durch die Ausstellung schlendern und die millionenschweren Kunstwerke betrachten, ist meines Erachtens sinnlos. Dafür sind die Geschichten, die Kirchners Kunst erzählen, schlichtweg zu wertvoll. Und zu wichtig für das Verständnis seiner Werke.

 

 

Informationen zur Ausstellung „Akte, Modelle & Kokotten“ von Ernst Ludwig Kirchner gibt es hier.

Facebook_Header_Kirchner_01

 

Copyright Text Petra Nann  I Recherchequelle: „Ernst Ludwig Kirchner Modelle, Akte & Kokotten“ Hirmerverlag I Bildquelle: Brücke Museum Berlin I Fotos Roman März Copyright frei  I Video: Michael Maiber

 

4 Comments

  1. Streetart Vernissage #imländle – #imländle

    1st Sep 2016 - 9:59

    […] Meine Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner […]

  2.   Business #imländle – Bericht No. 1 – #imländle

    12th Okt 2016 - 11:44

    […] Wenn er einen Businessplan oder Jahresabschluss in die Finger bekommt, scheint seine Leidenschaft geweckt. Wahrscheinlich ist es das selbige Hochgefühl, wie wenn ich eine Story über Ernst Ludwig Kirchner schreiben darf. […]

  3. Heimatkunst – #imländle

    10th Nov 2016 - 15:30

    […] Ernst Ludwig Kirchner – Ich bin wild zerrissen und tief berührt. […]

  4. Warum Frank Türke bei #imländle mitmacht – imlaendle.me

    16th Mrz 2017 - 11:59

    […] Ernst Ludwig Kirchner – wild zerrissen und tief berührt […]

Kommentar verfassen

Bleib in Verbindung

via E-Mail

Werde via E-Mail über neue Storys informiert.

Blick hinter die Kulissen

Snapchat

Follow imlaendle on Snapchat!

Kategorien

×
%d Bloggern gefällt das: