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Ich geh offline

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Menschen & Lifestyle I Petra Nann I Balingen

Warum ich nach Kanada reisen musste, um Facebook kennenzulernen. Welche enorme Entwicklung die Plattform in den letzten Jahren verzeichnet und weshalb ich dieses Jahr Zuhause in ein fremdes Land fliege, erfahrt ihr heute. Ich bin bald mal weg. Mache Urlaub im Offland.

Ich erinnere mich gut an meinen Sprachaufenthalt in Kanada. Zwischen Japanern, Chinesen, Mexikanern, Brasilianern und Schweizern wurde ich als eine der wenigen Deutschen in einer Gastfamilie einquartiert.

Online mit dem Handy und somit immer irgendwie Zuhause, gab es damals nicht. Wir mussten uns bis zu den Schulpausen gedulden und standen in dem Vorraum der Language School Schlange. Warteten bis einer der heißbegehrten Computer frei wurde.

Als ich an einem Morgen dran war und erkannte, dass mein GMX Konto keine Nachrichten aus der Heimat enthielt, musste ich handeln. Schlappe zwei Minuten World Wide Web für eine knappe halbe Stunde anstehen war ein schlechter Deal.

Zu erwähnen ist, dass Carlos hinter mir wartete. Ich stand vor dem Computer und in meinem Nacken hing eine mexikanische Rakete.

Damals hieß die Rettung meiner Coolness XING

Plan B und die Rettung meiner Coolness hieß XING. So ein bisserl angeben mit meinem brandneuen Profil bei der Businesscommunity erschien äußerst sinnvoll.

Ich klickte mich durch die Seite, tat als ob ich erstaunt über die Neuigkeiten und eifrig am Lesen war und strich mir eine Haarsträhne von der Stirn. Nein, ehrlich gesagt kräuselte ich sie wie verrückt um meinen Zeigefinger. Und ja, das ist ein eindeutiges Flirtsignal.

Gefühlt ließ der Südländer eine halbe Ewigkeit auf seine Reaktion warten. Wir können annehmen, dass es maximal eine halbe Minute dauerte, bis er angriff. Nun gut – eingriff.

Facebook

Er drängelte sich neben mich, ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg, sein Blick fiel auf den Bildschirm, meiner zu Boden. Ich wusste, was er sah und fragte mich, wie ich auf die bescheuerte Idee kommen konnte, das Profil meines Chefs aufzurufen. Mit polierter Halbglatze und Nickelbrille lächelte der biedere Typ den feurigen Augen des mexikanischen Hengstes entgegen. Dessen Lachen klang wie ein Wiehern. Das werde ich nie vergessen.

„ What the fuck … It’s boring. You have to use Facebook.“

2007 lernte ich Facebook kennen, hatte keine Ahnung was das ist

In jenem Moment wollte ich nicht hören, was der Mexikaner sagte. Facebook konnte ich mir merken, mein Profil erblickte einen Tag später das Licht der Welt. Damals alles auf Englisch und keine einzige vertraute Seele von Zuhause registriert.  Aber ich sinnfrei mittendrin.

Dass ich im Anschluss zu meiner mehrwöchigen Sprachreise einen Abstecher nach Südamerika machte, ernsthaft überlegte, nach Mexico auszuwandern, meine Geschäftsidee – die mexikanische Kanalisation (welche nach deutschen Standards, in einem miserablen Zustand ist) zu revolutionieren – rasch verwarf und im Herbst 2007 auf den Boden der deutschen Tatsachen zurückkehrte, spielt eine untergeordnete Rolle.

Viva Mexico

Lasst uns über Wichtigeres sprechen. Und ehrfürchtig die spannende Entwicklung, von Facebook betrachten:

2016 verzeichnet Facebook über 1,6 Milliarden Nutzer

Im Februar 2004 starten Mark Zuckerberg und seine Mitgründer eine Art digitales Jahrbuch für Studenten. Zu Weihnachten verzeichnet Facebook eine Millionen Nutzer. Ein Jahr später sind es 5,5 Millionen. Als ich mich in Vancouver registriere, ohne zu wissen, was ich tue, bin ich eine von 50 Millionen Nutzern. Im März 2008 startet Facebook endlich mit der deutschen Version. Im Sommer 2011 sind wir über 750 Millionen Facebooker. Im ersten Quartal 2016 sprechen wir von über 1,6 Milliarden Menschen, die in der Zuckerbergs Welt Zuhause sind. Und wir alle sinnvoll mittendrin.*

*Quelle RP Online

Mehr oder weniger. Erkenne ich doch ein recht aufregendes Nutzungsverhalten. Bei mir, bei Freunden, selbst bei meiner Tante aus Niederbayern. Wäre Tantchen nicht bei Facebook aktiv, würde ich von ihren Aktivitäten wenig mitbekommen. Wüsste nichts von ihrem Lagerfeuer in der bayrischen Prärie, hätte nie erfahren, dass sie bei den Vorwaldschützen mitmischt und keinen blassen Schimmer davon, wie zünftig die Bayern Geburtstag feiern. Das ist toll.

Und weil sie nicht die Einzige meiner Facebook Freunde ist und alle irgendwie ein spannendes Leben in ihrer Chronik vorzuweisen haben, schau ich gerne bei ihnen vorbei. Oder sie poppen in meinen Neuigkeiten auf. Neuigkeiten scrollen ist was Feines.

Eine meiner Freundinnen hat sich geoutet. Am liebsten tut sie es im Bett. Kurz nach dem Aufstehen, mit einer Tasse Kaffee. Mit einer anderen war ich neulich Kaffee trinken. Mit von der Partie: ihre 430 Facebook Freunde. Das find ich doof. Wobei. Wenn sie scrollt, kann ich auch kurz, oder nicht?

Facebook ist immer dabei

Lieber ist es mir nach dem Zähneputzen, in der Mittagspause, beim Spazieren oder vor dem Schlafengehen. Weil es wirklich wichtig ist, was ich da tue. Die Nachrichten im Postfach wollen gelesen, neue Freundschaftsanfragen beantwortet und Urlaubsbilder geliked werden. Gefällt mir ein Song, eine Weisheit oder ein redaktioneller Artikel, teile ich ihn bei Facebook und freue mich, wenn andere auch Gefallen daran finden. Darüber austauschen werden wir uns nicht. Daumen hoch und kommentieren reicht uns in der geliebten Chronik-Welt völlig aus.

Für den ausführlichen Dialog treffen wir uns im Chat. Und mal ehrlich: Die Möglichkeit ist auf ihre Weise durchaus kommunikativ. Wir können ernste Themen diskutieren oder Witze reißen. Das Lachen des anderen hören und sehen wir dabei nicht. Braucht es das?

Ich weiß es nicht. Weiß aber, dass ich es liebe, Menschen lachen zu sehen.

Viva Mexico (1)

Wie fühlt sich offline an?

Das eine schließt das andere nicht aus. Ich frage mich aber ernsthaft, wie sich mein Alltag ohne Facebook anfühlt. Im Zeitalter der Work-Life Balance ist die Frage nach der Balance zwischen der Social Media Welt und der realen absolut berechtigt. Wir wissen darum, wie wichtig es ist, den Augenblick  zu erleben und das Jetzt zu genießen.

Wie viel bewusste Momente klaut uns Facebook und wie empfinde ich das echte Leben, wenn ich offline bin? Was verpasse ich? Wie viel neue Nachrichten werde ich haben, wenn ich zurückkehre? Welche Zahl wird in dem roten Kreisel auf der blauen Kugel stehen, die Neues in meiner Onlinewelt anzeigt? Merkt es überhaupt jemand, wenn ich offline bin? Und wenn nicht, ist das schlimm?

Der Gedanke des Verzichtes fällt mir offen gestanden schwer. Die Idee, meinen Urlaub im Offland zu verbringen ist eine Herausforderung. Erwische mich dabei, wie ich Ausreden finde, es nicht zu tun. Verspüre den Reiz, es durchzuziehen und stelle ernüchtert fest, dass bei 1,7 Milliarden Facebooklern eine zweiwöchige Abstinenz in der Onlinewelt nicht ins Gewicht fallen kann.  In meiner eigenen vielleicht umso mehr.

Nobody kehrs

 

Ich will es wissen

Entschließe mich, es durchzuziehen. Ich bin gespannt und nervös. Wie wird sich, meine Reise ins Offland anfühlen?

Weil ich es jetzt wirklich wissen will und in Fahrt komme, hau ich in meinem Urlaub, Instagram ebenfalls vom Smartphone. Was mir deutlich leichter fällt. Habe ich diesen Dienst bis dato doch noch nicht komplett verstanden. Das fühlt sich ein bisschen wie 2007 in Vancouver an. Sinnfrei mittendrin.

Hätte mir damals jemand erzählt, dass mein diesjähriger Trip ohne Backpacker Rucksack und Flugticket in ein Land geht, welches man ohne einen Cent in der Tasche erreichen kann, wäre ich hellhörig geworden. Verstanden hätte ich die Zukunft und mein aktuelles Vorhaben nicht.

Würde ich heute im Vorraum der Language School stehen, gäbe es keine Schlange, sondern W-LAN für Alle. Vielleicht würde Don Carlos mit seinem Smartphone neben mir abhängen. Dann könnte er mir mit seinen  feurigen Augen Snapchat erklären.

Bin aber hier und bald mal weg: Im Offland.

 

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Text: Petra Nann I Bildquelle Pixabay

 

 

0 Comments

  1. Hans-Jürgen Gompper

    12th Aug 2016 - 15:49

    Hallo Petra,
    die Tatsache, dass Du als unsere ‚Online-Queen‘ Instagram bislang noch nicht wirklich verstanden hast, beruhigt mich ungemein. Mir geht’s nämlich genau so.
    Jedenfalls wünsche ich Dir viel Spass und jede Menge interessante Erfahrungen bei Deinem Urlaub im OFFLINE.
    LG Präse

    • imlaendle

      13th Aug 2016 - 19:47

      Salüt Chefe 🙂 Online Queen – du bist gut 🙂 Kannst komplett beruhigt sein – aber alles müssen wir ja auch net immer verstehen. Danke für deine Grüßle – bin selbst ziemlich gespannt wie es offline so ausschaut – schon seltsam, wie wir uns daran gewöhnt haben, gell 🙂 Bis bald und lass es dir auch ganz arg gut gehen. lg Petra

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