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Shitstorm

Shitstorm

Menschen & Lifestyle I Petra Nann I Balingen
Fast jeder von uns kennt den Ausdruck Shitstorm und weiß, dass es sich dabei um Hetze im Netz handelt. Michael Würz, Online-Redakteur beim Zollern-Alb-Kurier, lässt uns an seinen Erfahrungen teilhaben. Im Jahr 2013 erlebt er seinen ersten heftigen Sturm und wird zur Zielscheibe einer aufgebrachten Menge. Wie sich solch ein hässlicher Angriff anfühlt und warum wir auf einem besseren Weg viel mehr erreichen könnten, erfahrt ihr in diesem Bericht.

Scheiße-Sturm. Der Ausdruck hört sich hässlich und bereits in der Aussprache nicht korrekt an. Wir sagen: Was für ein Scheißwetter oder welch heftiger Sturm. Das war ein Scheiße-Sturm hört sich seltsam an und entspricht in der Regel nicht unserem gängigen Sprachjargon.

Der englische Begriff Shitstorm, welcher weitaus fließender über unsere Lippen geht, wurde im Jahr 2011 zum Anglizismus des Jahres gewählt. Als Anglizismus bezeichnet man eine Ausdrucksweise oder eine Bedeutung aus der englischen Sprache, die in eine andere Sprache eingeflossen ist.

Was ein Shitstorm ist, dürfte den meisten von uns bekannt sein: Ein lawinenartiges Auftreten negativer Kritik gegen eine Person oder ein Unternehmen im Rahmen von sozialen Netzwerken, Blogs oder Kommentarfunktionen von Internetseiten bis hin zur Schmähkritik. Dabei richtet sich in kurzem Zeitraum eine subjektiv große Anzahl von kritischen Äußerungen, von denen sich zumindest ein Teil vom ursprünglichen Thema ablöst und stattdessen aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend geführt werden.*

Die Definition des Begriffs sowie die Fragwürdigkeit der Ausdrucksweise haben wir somit geklärt.

Doch wie fühlt es sich an, wenn man ein Teil davon ist? Nicht als Beobachter, Kommentator oder gar Hetzer, sondern als Zielscheibe? Wenn ein gehässiger Kommentar den anderen jagt, konstruktiv durch destruktiv ersetzt wird und man persönlich angegriffen wird?

Meine Hoffnung ist, dass #imländle immer die Sonne scheint

Ich weiß es (noch) nicht, und ehrlich gesagt, möchte ich es mir für unser #imländle nicht einmal vorstellen. Meine Hoffnung ist, dass wir bis in alle Ewigkeit Sonnenschein und blauen Himmel auf unserem Blog genießen dürfen. Konstruktiv kritisieren, Meinungen vertreten, kommentieren, gemeinsam wachsen und Geschichte #imländle schreiben. Inwieweit dies der Fall sein wird, steht in den Sternen. Sollte uns der Shitstorm eines Tages heimsuchen, werde ich vermutlich sang und klanglos darin untergehen. Jeder böswillige Kommentar wird mich mitten im Herzen treffen. Wie genau ich damit umgehen werde, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wen ich anrufen und höflich darum bitten werde, mir in diesen grausamen Stunden Beistand zu leisten: Michael Würz.

Michael ist Online-Redakteur beim Zollern-Alb-Kurier. Gemeinsam mit seinem Team bespielt er die Social-Media-Kanäle der Tageszeitung, ist am Ort des Geschehens anzutreffen und berichtet über aktuelle Themen aus dem Zollernalbkreis. Das macht er höchst professionell und vor allem gut überlegt.

Michael Würz erlebt seinen ersten Shitstorm im Jahr 2013

Seinen ersten Shitstorm erlebt er im Dezember 2013. In jener Zeit kettet ein Jäger aus Burladingen einen Golden-Retriever an sein Auto und schleift ihn fast zu Tode. Die Tat ist äußerst brutal, die Region entsetzt. Der Zollern-Alb-Kurier berichtet auch auf seiner Facebookseite. Der Artikel wird binnen einer halben Stunde von weit über hundert Lesern kommentiert. Michael und seine Kollegen versuchen, die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Viele der Kommentare sind ausfällig, und einige gehen bis hin zur Morddrohung. Da Selbstjustiz nicht die Lösung ist und die Redakteure reagieren müssen, ermahnen, sperren und löschen sie alles, was unter der Gürtellinie ist.

Mit dieser durchaus nachvollziehbaren Handlung werden sie selbst zur Zielscheibe. Egal ob vom Rechtsanwalt, Familienvater, Tierschützer, Beamten oder Arbeiter verfasst, unter der Gürtellinie sind fast alle. Würz wird, aus unerklärlichen Gründen, zum Mittäter erkoren. Wollen sie erst „nur“ den Jäger lynchen, heißt es jetzt: „Erhängt den Jäger und den Würz.“ Inzwischen sind es weit über tausend. Weit nach Feierabend sitzt Michael zuhause vor seinem PC und löscht einen Kommentar nach dem anderen.

Wird man persönlich angegriffen, ist das kein Spaß

Mittlerweile wird er auf seinem privaten Facebook-Account attackiert, angerufen und beschimpft, die Polizei fährt in der Straße des Jägers Streife. Eine tätliche Bedrohung scheint nicht ausgeschlossen. In jener Nacht schläft der Online-Redakteur nicht.

In der Redaktion trudeln Beschwerden ein. Michael sei ein Tierschänder, mache sich mitschuldig. Ob sie in ihrem Wahn noch klar denken, respektive wissen, dass Würz seit Jahren Veganer ist? Vermutlich nicht.

Der Sturm flacht ab und ist Vergangenheit. Als ich mit Michael heute, im Jahr 2016 über seinen ersten Shitstorm spreche, kann er darüber schmunzeln. Damals war es ihm nicht zum Lachen. Er sei offen und dankbar für jegliche Art von konstruktiver Kritik; wenn er oder seine Kollegen jedoch persönlich angegriffen werden, versteht der 33-Jährige hingegen keinen Spaß.

Absolut nachvollziehbar finde ich, und bin mir sicher: Ein Shitstorm fühlt sich an wie er ist – beschissen.

Würden die Hetzer ihren Frust in positive Energie wandeln

Die Hetzer vergessen sich, ihren Anstand und jegliche Würde, die es zu achten gilt. Von Empathie kann keine Rede sein. Würden sie sich Gedanken darüber machen, wie sich ein solch unüberlegter Wutausbruch am eigenen Leib anfühlt, wären sie in ihren Äußerungen hoffentlich zurückhaltender. Ansonsten wäre zu klären, ob von einer masochistischen Veranlagung zu sprechen ist. Gehen wir von einem gesunden Feingefühl aus, steckt im Umkehrschluss unglaubliches Potential in der Macht der Masse.

Würde die aufgebrachte Menge mit selbigem Elan dieses erkennen, ihren persönlichen Frust in positive Energie wandeln und gemeinsam Gutes tun, ist kaum auszudenken, welche Möglichkeiten wir damit hätten.

Den Shitstorm könnten wir ad acta legen. Unsere Lawine wäre der Glückssturm. Auf den Titel Anglizismus würden wir freudestrahlend verzichten. Eine Übersetzung bräuchte unsere Überzeugung nicht.

 

Text: Petra Nann I  Bildquelle: NDR I Quelle* Wikipedia

 

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4 Comments

  1. Anonymous

    14th Jun 2016 - 10:54

    Guter Bericht!

  2. Marc Jenter

    14th Jun 2016 - 10:55

    Guter Bericht!

    • imlaendle

      14th Jun 2016 - 10:57

      Danke 🙄

  3. Vom Bloggen und Geldverdienen – imlaendle.me

    31st Mrz 2017 - 11:54

    […] Welt und vor allem das World Wide Web versinken viel zu oft in negativem Shit und im depressiven Shitstorm. Diese Art von Konversation findet #imländle hoffentlich niemals Raum. Wir tanzen hier nicht auf […]

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