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Von eiskalten Knaupern

Von eiskalten Knaupern

Kolumne Rettertextle I Anne Retter I Albstadt

Kolumnenportrait

Ganz allmählich wird es auch #imländle wieder wärmer. Endlich Wochenende, mag sich da mancher denken – endlich Zeit für den Garten, Heimwerken und Renovieren. Mein Liebster hat kürzlich beschlossen, dass sich bei mir hinterm Haus eine Hütte ganz gut machen würde. So eine, wie sie im Saarland bei seinen Eltern steht: Als würdiger Rahmen für gesellige Runden mit Freunden und Familie vor und nach dem Schwenken (wir Schwaben würden es „Grillen“ nennen). Der Saarländer an sich muss das Schwenken in allen Feinheiten spätestens ab dem frühen Jugendalter beherrschen, sonst wird er in die Pfalz verbannt. Zum Kartoffeln ernten.

Eine Hütte soll also her. Nicht gleich, aber irgendwann. Ich schlage vor, dass wir seinen Großvater fragen, ob er die Pläne für die „Floriansstube“ noch hat. Er lacht nur. Ich wundere mich ein wenig. Warum sollte sein Opa die Pläne nicht zur Verfügung stellen? Wir haben bei der Haushaltsauflösung nach dem Tod meines Vaters sogar noch die Mappe vom Gesellenstück meines Urgroßvaters gefunden. Wenn der alte Herr vom alten Herrn meines Alten (und ich nenne ihn nur wegen des Wortspiels so, wirklich) auch nur ansatzweise so ist wie meine Vorfahren, dann müssten sich sogar noch die ersten Ideenskizzen für den Bau des Katzenbaums in seinem Pläne-Ordner wiederfinden.

An der Geburtstagskaffeetafel von Oma Ilse wage ich mich vor und frage. Der saarländische Großpapa tippt sich an die Stirn. Es dauert einen Moment, bis ich verstehe, dass er „Hier drin vielleicht…“ nuschelt. Wie jetzt, keine Pläne mehr? Er grinst. „Pläne, was! Da han eich doch ken Plan für gemacht!“ Wie sich herausstellt, sollte die Gartenhütte, die nun schon der dritten Generation meiner saarländischen Familie als Ort für Gelage und Geburtstagsfeiern dient, ein simpler Geräteschuppen werden. Ursprünglich. „Jo,“ brummt der Opa nur, „Mir han angefang zu bauen und wie eich gesehn han wie groß dat Dingens wird, han eich gedenkt: Mejo, wird’s halt en Partykeller.“

Der Saarländer hat ein Wort für diese Art des Herangehens an die Dinge, er nennt das „knaupen“. Das meint, eine handwerkliche Arbeit zu improvisieren, anstatt sie fachmännisch zu erledigen. Knaupen ist die hohe Kunst, etwas so falsch zu machen, dass es am Ende irgendwie wieder richtig ist. Die Eltern meines Partners haben eine Zeit lang #imlaendle gelebt. „Do han eich kein Knauper gesehn, aber hier, hier knaupen se alle!“ winkt der Schwiegervater ab und tappt drei Stockwerke die Treppen hinunter. Nicht etwa sinnlos, sondern um beim Unterfangen behilflich zu sein, eine Couch über den Balkon im dritten Stock zu hieven.

Das klingt viel vernünftiger, als es eigentlich ist: Angefangen bei der Schwiegermutter, die von oben ein Ende des geflochtenen Seils unbekannten Alters in den Hof hinunter wirft, den daran befestigten Metallhaken von der Größe eines kleinwüchsigen Mammuts nicht bemerkend, bevor er knapp neben ihrem Gatten auf dem Pflaster aufschlägt. Weiter mit den improvisierten Wern-scho-halten-Knoten des bereits als Knauper erster Güte bekannten Opas. Einer an die Wand gelehnten klapprigen Leiter, die als Stütze ungefähr so tauglich ist wie ein Teesieb zur Empfängnisverhütung. Der Oma, der kleinen Schwester und der Mutter meines Liebsten, die ihm und seinem von allen Saarländern am unknaupigsten geratenen Bruder mit konträren Ratschlägen helfen, während die beiden beherzt ziehen – an einem Seilzug, der definitiv und ohne großen Anlass dazu geeignet ist, ein bis zwei Finger zu zerquetschen.

Exkurs nach Kanada: Mein Bruder, dem es auf der Alb offenbar nicht kalt genug war, hat jetzt einen kanadischen Schwiegervater. Der hat vor Monaten seiner Tochter zugesagt, er werde im Keller eine Dusche aufstellen. Sie meinte damit: Aufstellen. Eine fertige Dusche aufstellen. Da man aber natürlich besser keine halben Sachen macht, hat er zuerst einmal den Boden aufgerissen und Rohrleitungen verlegt. Wo er schon mal dabei war, eine neue Dusche zu installieren, kam ihm der Gedanke, es noch ein bisschen richtiger zu machen. Kurzerhand riss er die Dusche im Bad gleich mit heraus. Vor dem Einbau fühlte er sich dann jedoch berufen, im Keller erneut Hand anzulegen und mit einem Steinschlagbohrer über mehrere Wochen hinweg – den Einwand meines Bruders, man könnte einen Presslufthammer mieten und es schnell erledigen, ignorierend – viele kleine Löcher in die Kellerwand zu meißeln. Kurz vor Beendigung seiner Arbeiten ging ihm dann die Geduld aus und er zog von dannen. Um einen Presslufthammer zu mieten. Der Deutsche und seine Verlobte „duschen“ auf unabsehbare Zeit hinaus nun weiterhin mit einem Lappen. Zustände wie in Afrika, wo man dem Hörensagen nach bei der Bestellung eines Tischs darauf bestehen muss, dass er vier gleich geformte Beine in derselben Farbe haben soll. Natürlich nur, wenn einem sowas wichtig ist.

Zurück ins kleinste deutsche Bundesland, in eine Stadt nahe der französischen Grenze: Die Couch kommt an. In einem Stück. Nichts ist kaputt gegangen, keiner verletzt worden – auch Knaupen will gelernt sein. Vielleicht hängt der Saarländer einfach per se nicht so sehr an der eigenen Gesundheit, er ist schließlich auch nicht halb so überzeugt davon wie der Schwabe, dass er dringend sehr viel arbeiten muss. Der vor fast einem Jahrzehnt geknaupte Katzenbaum im schon genannten Hof jedenfalls steht immer noch und dient treu als Pflanzenständer und Stubentigersonnenschutz. Macht man am Ende #imländle zu viel Aufhebens?

Verunsicherte Grüße

Ihre Anne Retter

Katzenbaum

 

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0 Comments

  1. Gabi Belzer

    1st Mai 2016 - 11:31

    Unterm Strich muss alles „im Winkel“ sein ;-). So wurde durch die Arbeit der Knauper das Saarland das Bundesland mit der höchsten Eigenheimdichte und so mancher konnte sich sein schönes Eigenheim nur leisten, da viele Knauper aus Verwandtschaft, Freundes- und Kollegenkreis mitgeknaupt haben. ……und wo gibt es sonst schon eine Gartenhütte mit fließend Wasser und Klo 🙂

    • imlaendle

      1st Mai 2016 - 16:34

      genau so ist es, liebe Gabi 😉

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