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Party People in the Eigenheim

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Menschen & Lifestyle I Petra Nann I Balingen

Um viele von uns ist es ruhig geworden. Die Prioritäten haben sich geändert. Anstelle von Kneipentouren ist die Familie das Programm. Die „ruhig Gewordenen“ verschwinden von der Bildfläche und scheinen ihr unspektakuläres Leben zu genießen. Wir dürfen uns nicht täuschen lassen. Nicht unweit von Balingen treibt eine Gang ihr Unwesen, die unsere These heftig ins Wanken bringt.

Im Fokus liegt, was wir sehen. Unsere Wahrnehmung konzentriert sich auf die Menschen, denen wir begegnen und die wir erleben dürfen. Genauso ist es, wenn wir uns am Wochenende in den Balinger Kneipen tummeln. War früher der komplette Jahrgang vertreten, sind heute viele von uns von den Barhockern verschwunden. Aus den Augen aus dem Sinn. Im besten Fall wird beim Smalltalk erwähnt, wer es zu Kind und Eigenheim gebracht hat. Wir stellen selbstgefällig fest: Die Wilden von damals sind häuslich geworden. Dann konzentrieren wir uns auf den nächsten Cuba Libre und auf das, was da ist.

Die „ruhig Gewordenen“ leben unspektakulär

Wollen wir den Kontakt mit den „ruhig Gewordenen“ aufrecht erhalten, treffen wir sie am ehesten am „Tag der offenen Tür“ vom Kindergarten, regelmäßig mit Buggy und Einkaufskorb auf dem Wochenmarkt, beim Walken auf Hangen, beim Schuhe kaufen für die Kleinen, bei diversen Kinderbörsen und wenn sie es richtig krachen lassen, tanzend mit Manduca vor der Brust beim Kultursommer in der Stadtmitte.

Was sie sonst treiben, wissen wir nicht. Das Übliche, denken wir. Die Vatis gehen arbeiten. Die Muttis ebenfalls. Voll- oder Teilzeit. Andere bleiben daheim und kümmern sich um Haushalt und Kinder. Sie grillen, waschen ihre Autos, tauschen sich über Erziehungsfragen und kinderfreundliche Urlaubsziele aus und ziehen ihren Nachwuchs groß.

Dieses Bild spiegelt sich in den zahlreichen Neubaugebieten der Region wieder. Verirren wir uns in eines, erleben wir an sonnigen Tagen eine idyllische Ruhe. Wir hören das Surren der Rasenmäher und lachende Kinder, die im Trampolin hüpfen. Es duftet nach gegrillten Steaks und Thermomix– Schlemmereien. Die Welt scheint zu sein, wie wir sie uns im Smalltalk, nach dem vierten Cuba Libre zurechtgelegt haben: Die „ruhig Gewordenen“ gehen in ihrem heimeligen Familienleben auf, welches auf manch einen von uns recht unspektakulär wirkt.

Wir dürfen uns nicht täuschen lassen

Bei aller Selbstsicherheit, mit der wir unser Urteil fällen, sollten wir eines nicht vergessen: Im Fokus liegt, was wir sehen.

Vieles bleibt unseren Augen verborgen. Das heißt jedoch nicht, dass nichts passiert. Im Gegenteil. In einem der Neubaugebiete, unweit von Balingen, rockt der schwäbische Bär. Von „ruhig geworden“ kann keine Rede sein. An diesem beschaulichen Fleckchen Erde treibt eine Gang ihr Unwesen, deren Members über unsere schläfrigen Kneipenbesuche im höchsten Fall müde lächeln können.

Wir sprechen von sage und schreibe acht Familien. Inklusive Kind und Kegel verzeichnet die Gang einunddreißig Mitglieder. Zehn von ihnen nehmen aktiv am Club Geschehen teil. Es sind keine mafiösen Strukturen erkennbar. Wir können aber davon ausgehen, dass sich die Gang über die Jahre hinweg zu einem ernstzunehmenden Klan etabliert hat.

Die Gang ist aktiv

Betrachten wir zuerst die Entstehungsgeschichte:
Mit dem Einzug in das neue Haus, der Geburt der Kinder und der unverbindlichen Plauderei am Gartenzaun erwacht eine Freundschaft, die mit der Zeit zu einer tiefen Verbindung gedeiht. Diese Menschen teilen Freud und Leid gleichermaßen. Sei es die finanzielle Lage durch den Kauf eines Eigenheimes, die Überlegung, ob die Anschaffung eines Weber- Grills Sinn macht, die schmerzliche Erfahrung den Sportwagen gegen eine Familienkutsche einzutauschen, Lachanfälle beim Schwangerschafts-Yoga, Still- Fragen, Trotzphasen, schlaflose Nächte, glückselige Familientage oder die Sehnsucht, den Freitag als Startschuss für ein erholsames Wochenende zu erleben.

Aktuell teil sich das Geflecht der Gang in mehrere Untergruppen auf. Es gibt Familientreffen, bei denen alle Mitglieder vertreten sind. Diese finden ein bis zwei Mal im Jahr statt. Darüber hinaus existiert eine Männerfraktion, die Frauenliga sowie »The Party People«. Letzteres sind die aktiven Mitglieder zu denen fünf Männer und fünf Frauen zählen. Die sind vergleichbar mit dem „harten Kern“ im Kneipenleben. Jene die immer als letztes gehen. Feiern wenn der DJ seine Platten längst im Koffer verstaut hat. Unbeeindruckt von den genervten Barkeeper ihren Absacker genießen, während dieser von seinem verdienten Feierabend träumt.

Sie walken nicht, sie tigern zum Frühschoppen

Und weil die Kommunikationswege schnell sein müssen, wurde für jede Gang- Formation eine eigene WhatsApp Gruppe angelegt. Mit flinken Fingern tauscht man Neuigkeiten aus, vereinbart Dates und teilt Bilder vom letzten Treffen.

Die Frauen walken bei schönen Wetter auf Hangen. Wer ihnen begegnet, ahnt nicht, dass die Runde bei einem kalten Radler im nahegelegenen Biergarten endet. Die tigern zum Frühschoppen, bevor wir den ersten Kaffee aufbrühen. Sie fahren mit dem Zug zum Weinfest nach Stuttgart, lassen sich bei einem professionellen Fotoshooting ablichten und süffeln ihre Erdbeerbowle unter der Terrassen- Markise, während unsereins längst müde im Bett liegt.

Was die Männer genau treiben, wissen die weiblichen Members nicht. „Vo Mello bis ge Schoppornou“ ist ihre Hymne. Wenn die bessere Hälfte mit Gartenschlauch in der Hand und Lächeln im Gesicht, die Pflänzchen gießt, dabei leise die besagte Melodie summt, weiß Frau, dass der gestrige Abend schön war. Mehr braucht es nicht. Persönliche Freiheit und Vertrauen wird in dem Klan großgeschrieben.

Ausartende Feste finden hinter verschlossenen Türen statt

Gehen sie aus, will die Wahl der Lokalität gut überlegt sein. Der Anspruch ist hoch. Belanglose Kneipenabende sind nicht die Regel. Die wertvolle Auszeit wird bis auf das Äußerste ausgekostet. Beliebt sind gutes Essen, Sportevents und Live-Konzerte. Die Möglichkeit, jenseits von Hänschen Klein das Tanzbein zu schwingen, weckt vor allem bei den Frauen die Begierde. An der Theke begegnen wir ihnen nicht. Bis wir auf die Tanzfläche schleichen, liegen sie im Bett. Die letzte der acht Mütter ist gerade am abstillen. Während wir den ersten Move wagen, hat sie ihren Still- BH längst abgelegt und es sich gemütlich gemacht. Anstelle eines besoffenen Vollottos, grabscht der Spross mit seinen zarten Händchen an Mamas Busen. Mit Musik in den Ohren und Kind an der Brust schläft sie, nach einem bewegungsreichen Abend selig ein.

Die ausartenden Feste der Sektion „The Party People“ finden hinter verschlossenen Türen statt. Es ist schwer einen Einblick zu bekommen. Man munkelt von Motto-Partys, grölendem Männerchor, aufwendigen Verkleidungen und einem eigenen Clubheim, dass in naher Zukunft seine Pforten öffnet. Eines der Mitglieder fasst Vertrauen. Ich darf sie in ihrem schmucken Eigenheim besuchen. Mit stolzem Blick zeigt sie mir eine glitzernde Disko-Kugel. Die wird das Highlight im Partykeller der Nachbarn sein. Wann die Einweihung stattfindet, will sie nicht verraten. Während die junge Mutter verschwiegen bleibt, wandert mein Blick über die Bilderwand im aufgeräumten Flur. Zwischen eingerahmten Babylachen und Hochzeitskleid hängen unscheinbar die bunten Bilder des Klans.

Verirren wir uns mal wieder in ein Neubaugebiet, lasst uns wachsam bleiben. Vielleicht erhaschen wir, nebst dem Surren des Rasenmähers, ein leises Summen. Ist die Melodie des österreichischen Kult-Songs erkennbar, könnte es ein echter Member sein.

 

 

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 Text Petra Nann I Bildquelle Fotolia

 

 

 

 

 

 

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