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Von kommentierenden Worten

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Kolumne Rettertextle I Anne Retter I Albstadt

Kolumnenportrait

Ich habe noch nie eine Kolumne geschrieben. Dabei wurde ich schon öfter dazu aufgefordert – von Freunden, Bekannten, ja sogar vom Handwerkerstammtisch: „Schreib doch mal sowas!“ Nun soll es also so sein, #imländle gibt es ab sofort jeden Monat eine Kolumne aus meiner Feder. Tastatur, eigentlich. Wer schreibt schon noch mit Federn! Und ja, ich gestehe – ich habe auch wirklich Lust darauf.

Während sich meine Arbeit sonst durch möglichst sachlich-neutrale Berichterstattung oder vom Kunden vorgegebene Ziele definiert, ist die Kolumne ein Spielplatz: Sie erscheint regelmäßig, ist ein Meinungsbeitrag in Ich-Form und hat ihren festen Platz. Sie soll eine Art Stellungnahme zu aktuellen Ereignissen oder Themen sein, die die Leser beschäftigen – eine Sonderform des journalistischen Kommentars. Unterhalten. Neugierig machen. Ganz schön viel soll sie, die Kolumne.

Ich freue mich darauf, mit Ihnen, den Leserinnen und Lesern #imländle, in Kontakt zu treten. Kommentare, Kommentare, ich bitte Sie! Das ist auch neu für mich. Sicher – manchmal erreichen mich Lob oder Kritik über die Redaktionen, für die ich arbeite. Manchmal auch per Mail oder ganz persönlich. So richtig viel Austausch ist das aber nicht. Etwas, das dem Journalismus heute vorgeworfen wird – er tritt zu selten in Dialog mit den Menschen, für die er ja eigentlich da ist.

Das ist allerdings auch schwierig. Soll eine Redaktion wirklich jemanden dafür bezahlen, dass er sich den ganzen Tag damit beschäftigt, auf Lügenpresse-Rufe, Hasskommentare und kluge Beiträge zu reagieren? Und selbst wenn, es stellt sich doch die Frage nach dem inhaltlichen Wie. Oder auch: Warum. Die Antwort darauf fällt leichter, ist es doch eine Kernaufgabe des Journalismus, die öffentliche Debatte zu moderieren.

Leichter gesagt als getan, wie jeder bestätigen kann, der in mehr oder weniger sozialen Netzwerken mehr oder weniger sozial mit mehr oder weniger sozialen anderen Usern teils asoziale Kommentare tauscht. Damit sind wir dann auch endgültig bei den Landtagswahlen, AfD, Pegida und neuer deutscher rechter Unhaltung angekommen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wenig fruchtbar ist, mit Argumenten gegen Gefühlsüberzeugungen anzuschreiben. Natürlich ist das menschlich. Kopf gegen Bauch, gegen Herz – da fällt die Ratio häufiger aus, besonders im Angstmodus. Soll man dazu überhaupt noch etwas sagen? Es kostet schließlich Zeit und Nerven. Ich glaube: Ja. Wohldosiert.

Auch wenn ich mein Gegenüber im Zweifelsfall nicht überzeugen kann – weil es nun einmal glaubt, ein Schälchen Essig hinterm Haus vertreibt die Wolken aka Chemtrails, es hat schließlich beobachtet, dass es aufklart, während der Essig verdunstet – so kann ich doch zumindest Stellung beziehen. Vielleicht tut es einem der stillen Mitleser ja gut, wenn „Korrelation ist nicht Kausalität“ zwischen all den Chemtrailschwaden und Essigdünsten aufsteigt. Vielleicht ermutigt es jemand anderen eine eigene Position zu vertreten, der sich bisher nicht getraut hat – scheinbar allein auf weiter Flur.

Ich bin leider zum Glück schon immer so ein Mundaufmacher. In der Schule kamen manchmal Mitschüler zu mir: „Fragst Du heute bitte wieder so viel? Wenn die Lehrer mit dir herumdiskutieren, dann verstehe ich es auch.“ Abgesehen von stillen Profiteuren macht man sich damit allerdings eher weniger Freunde.

Es kommt nicht so gut an, in einer Feedbackrunde derjenige zu sein, der „das Seminar nicht ganz so gelungen“ oder „die Präsentation etwas zu ausführlich“ fand. Der, ein Gähnen unterdrückend, das einstündige diplomatische Breischleichen mit einem „Könnte vielleicht einfach jeder sagen was er will?“ unterminiert.

Trotzdem möchte ich dem Mundaufmachen das Wort reden. Es gibt genug unqualifizierte Kommentare da draußen. Die haben freilich ihre Berechtigung. Aber sie sollten nicht dazu führen, dass wir nur noch die Ankläger, Polemiker, Hetzer und Angstverbreiter wahrnehmen. Für wahr nehmen.

Deshalb wünsche ich mir, dass sich auch die leise seufzenden, die sich angeekelt abwendenden, resignierenden oder wissenderen Nichtteilnehmenden an der öffentlichen Debatte beteiligen. Gerne auch hier. Was wünscht man sich #imländle von der Kolumnistin? Hat sie schon zu viel gesagt, muss sie Federn lassen?

Und apropos Wahlen und AfD – manchmal rückt ja auch die Realität die Dinge zurecht. Was hat unsere Flintenuschi zur blaublütigen Storch (wer glaubt schon noch an solche Märchen?) gesagt? „Jetzt ist dann Schluss mit Lügenpresse und Maus ausgerutscht, in Zukunft gibt es nämlich Landtagsprotokolle.“ Nichts geht über die Realitätsprüfung, vor allem nicht in der Konfrontation mit einem Wahn. Ich jedenfalls freue mich darauf.

Ihre Anne Retter

 

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Rettetexter – Textretter mit Herzblut

0 Comments

  1. Von eiskalten Knaupern – #imländle

    1st Mai 2016 - 10:50

    […] Von kommentierenden Worten […]

  2. Von schwäbischer Freundlichkeit – #imländle

    1st Jun 2016 - 12:16

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  3. Von letzten Tagen – #imländle

    1st Aug 2016 - 11:10

    […] Von kommentierenden Worten […]

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