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Die verrückte Welt der Online-Redakteure

Die verrückte Welt der Online-Redakteure

Menschen & Lifestyle I Petra Nann I Balingen
Michael Würz ist Online-Redakteur beim Zollern-Alb-Kurier. Viele von uns haben schon von ihm gehört oder mit ihm zu tun gehabt. Die Facebook-Seite unserer Lokalzeitung ist zu einer der wichtigsten Informationsquellen in unserer Region geworden. Welche Menschen stecken dahinter, wer ist Michael Würz und wie sieht der Alltag hinter den Online-Kulissen aus?

Wie schaut das Leben eines Online-Redakteurs aus, mit welchen Herausforderungen hat er zu kämpfen und welche Erfolge darf er die seinen nennen? Immer wieder spüre ich, wie mich die Neugier packt, irgendwann traue ich mich und rufe Michael Würz an.

Ich erzähle von der Idee, eine Story über ihn zu schreiben. Nein, ehrlich gesagt frage ich ihn, ob er die Story über sich selbst schreibt und erwähne beiläufig, dass ich es auch machen könnte. Da ein guter Reporter meist das hört, was er nicht hören soll, wählt er Variante zwei. Harter Tobak. Ich soll über einen Profi schreiben, der seit Jahren über andere – und das nachweislich erfolgreich – berichtet. Ob es jetzt dürfen oder müssen ist, weiß ich noch nicht genau.

Der Interview-Termin ist vereinbart

Wie sich extreme Anspannung anfühlt, spüre ich zweifellos. Kann ich ihm gerecht werden? Er lacht und nuschelt irgendwas von: „Ach was, natürlich“ und „Das wird toll“.

Der Interview-Termin ist vereinbart, ich bekomme die Grippe und wir verschieben das gemeinsame Mittagessen um eine Woche. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Zeit rast mindestens genauso schnell wie der Online-Reporter über die Alb. Ehe ich Frieden mit meiner Aufregung schließe, sitzen wir im Kroko.

Herr Würz bestellt Pommes, ohne Ketchup, ohne Majo. Ich tue es ihm nach, aber für mich bitte rot-weiß. Der Mann wirkt unspektakulär und bodenständig. Wie einer von den Kollegen, die morgens den Kaffee an den Schreibtisch bringen, dabei nett lächeln und es gerne tun. Einer von jenen, die distanziert freundlich durch die Gänge schleichen oder hastig zu einem Termin eilen, ohne dabei aufzufallen. Hab ihn mir anders vorgestellt. Dachte, er ist einer von der Sorte, die aufreißt und laut ist.

Was er erzählt, fesselt ab dem ersten Satz

Bevor ich den Gedanken weiterspinne, fange ich an zu fragen und er erzählt. Wir kommen von einem in das andere Thema. Was er sagt, fesselt ab dem ersten Satz. Ich schlinge hastig meine Pommes runter, klappe das Notebook auf und tippe mit. Michael Würz spricht sehr schnell. Steno schreiben wäre die Lösung. Da ich jedoch die Kurzschrift nicht beherrsche, haue ich fieberhaft in die Tasten und das in meinem persönlichen Rekordtempo. Alles ist wichtig, nichts zum Weglassen und jede Anekdote fast schon eine eigene Story wert.

So schnell wie er spricht, so langsam isst er. Ich glaube ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der in solch einer Gemütlichkeit seine Pommes genießt wie Michael Würz. Die Momentaufnahme seiner Essgewohnheiten aber nur am Rande, viel wichtiger ist sein Werdegang.

Vor seiner ZAK-Zeit arbeitet Michael fürs Fernsehen, als einer von zunächst noch wenigen Videojournalisten in Deutschland. Als Agenturkorrespondent dreht er für alle Sender, die Rang und Namen haben. Von der ARD über den SWR bis hin zu RTL. Falls ihr euch jemals gefragt habt, wie damals der Mühlengeist zu RTL aktuell kam, nun wisst ihr es. Nebenbei ist er einer jener Journalisten, die die Neue Rottweiler Zeitung aufbauen. „Da waren Leute mit ganz viel Herzblut bei der Sache, die Leidenschaft für den Lokaljournalismus gelebt und unglaublich viel bewegt haben“, erzählt Michael. „Die Zeit hat mich sehr geprägt.“ NRWZ-Herausgeber Peter Arnegger wird zu seinem journalistischen Weggefährten; bis heute verbindet die beiden eine Freundschaft.

Im August 2013 beginnt der heute 33-Jährige als Online-Redakteur beim Zollern-Alb-Kurier. Ein Karrieresprung der besonderen Art. Nun fragt sich manch einer von uns, warum man den Schritt vom Fernseh- zum Lokaljournalisten nicht eher als Fall betiteln sollte. Michaels Antwort ist eine Hommage an unsere Heimat und meines Erachtens absolut nachvollziehbar:

Hautnah dran zu sein gehe bei den „großen News“, die obendrein immer im gleichen Format ablaufen und weggesendet werden, oft verloren, sagt er. Man klappere Pressestellen ab und habe ziemlich wenig mit den Menschen vor Ort zu tun. Im Lokalen sei das anders. „Ich stecke immer mittendrin im Geschehen und bin nah an den Leuten dran“, sagt er. „Die Menschen kennen mich. Ich habe direkten Kontakt mit den Lesern. Lob und Kritik treffen mich gnadenlos und unmittelbar. Das, was wir regional berichten, ist exklusiv und tangiert die Menschen.“

Die Geschichten spielen vor der Haustür, stammen aus dem direkten Lebensumfeld der Leser und sind greifbar nah. Zudem, sagt er, sei die aktuelle Zeit für Journalisten gerade sehr spannend. „Den digitalen Wandel in meiner Heimatredaktion gestalten zu dürfen, ist für mich eine große Ehre“, betont er.

 Ich erhasche ein bewegtes Funkeln in seinen Augen

Während der Redakteur genüsslich an dem nächsten Pommes knabbert und ich weiter heftig in die Tasten haue, outet er sich:

„Ich glaube, ich bin halt auch ein echter Onlinejunkie, der einfach riesige Lust darauf hat.“

Er lächelt wieder zurückhaltend und nett und nippt an seinem Spezi. Eines entgeht mir nicht: Ich erhasche ein bewegtes Funkeln in seinen Augen und bin mir just in diesem Moment sicher: Diesen Menschen darf man nicht unterschätzten. Der schleicht nicht.

Dann erzählt er von seinem Arbeitsalltag. Unser geliebtes Facebook nimmt einen wichtigen, aber längst nicht den größten Teil der Arbeitszeit in Anspruch. Die Entwicklung der Fanseite ist jedoch ein großer Erfolg. Im Jahr 2013 mit rund 1.000 Fans gestartet, verbucht  der ZAK mittlerweile über 16.000 Likes auf der Fanpage. Tendenz: steigend. Weil es darüber hinaus viel zu tun gibt, arbeitet Michael Würz nicht alleine. Gemeinsam mit Benno Schlagenhauf und Nico Pannewitz, deren Namen bereits eine eigene Schlagzeile wert sind, jagt er im Dreier-Gespann durch die lokale Online-Welt. Recherchiert am Ort des Geschehens und versorgt uns mit den wichtigsten News unserer Heimat.

Würz arbeitet mit seinen zwei Kollegen im Schichtdienst. Die erste Schicht startet mit dem sogenannten „bauen“. Jeder einzelne Zeitungsartikel wird umgeschrieben, angepasst, „webtauglich“ gemacht und auf zak.de veröffentlicht. Anschließend werden die Presse- und Polizeimeldungen gecheckt, Nachrichten gelesen, die Online-Kanäle bespielt und auf Leserkommentare geantwortet.

Sie lesen alles, was wir kommentieren

Die Jungs lesen alles, was wir kommentieren. Oft antworten sie – und das wohl überlegt. Manchmal stehen schon mal fünf Formulierungen zur Auswahl. Diese werden heiß diskutiert, kritisiert, korrigiert und erst wenn sie perfekt erscheinen, gepostet.

Einer der Dreien übernimmt den Bereitschaftsdienst. Sobald etwas #imländle passiert, steigt derjenige ins Auto und fährt los. Dank unseren wachen Leserkommentaren sind die Redakteure mittlerweile oft auf dem Weg, bevor die Rettungsleitstelle, die Polizei oder die Feuerwehr in der Redaktion Alarm schlagen.

Vor Ort gilt es, sich einen Überblick zu verschaffen. „Bild dir deine Meinung“ ist fehl am Platz. Man kennt sich untereinander, redet miteinander und erweist sich den nötigen Respekt. Ob Polizei oder Feuerwehr, die Leute wissen, dass sie sich auf die Berichtserstattung der Redakteure verlassen können. Bei einem schweren Unfall etwa können die Szenen dramatisch sein. In diesen Momenten spielt die Schlagzeile keine Rolle. Denn eines wissen die ZAK-Redakteure: Mit Leben spielt man nicht, auch dann nicht, wenn der Druck, möglichst schnell zu berichten, heute ungleich größer ist als früher.

Stellt Euch vor, der Unfall ist tödlich verlaufen. Was wenn man direkt berichtet, die Angehörigen aber noch nichts davon wissen? Wer möchte aus der Zeitung erfahren, dass einer seiner Liebsten tragisch aus dem Leben gerissen wurde? Sofern die Angehörigen noch nicht informiert sind, maßen es sich die Herren nicht an, über den schlimmen Ausgang zu berichten. „Meist halten wir kurz Rücksprache mit der Polizei, das geht dann einfach vor“, sagt Michael.

Wieviel Leid verträgt ein Foto, das einen verletzten Menschen zeigt, den wir von ganzem Herzen lieben? In den Augen der ZAK-Redakteure braucht es solche Bilder nicht, um aufzuklären und mitzuteilen. Die Verantwortung ist hoch. Ein schmaler und sensibler Grat zwischen Schnelligkeit und Seriosität, auf dem Michael und seine Kollegen mit viel Feingefühl und äußerster Professionalität balancieren.

Seiner Verantwortung ist sich Michael Würz bewusst, und mit seinem Team tut er alles, um dem gerecht zu werden.

Vom Shitstorm über Morddrohungen bis zu begeisterten Lesern

Inwieweit wir den Redakteuren immer gerecht werden, steht auf einem anderen Blatt. Vom Shitstorm bis hin zu Morddrohungen mussten sie in den letzten Jahren einiges von aufgebrachten Lesern ertragen.

Schön ist, dass die positive Resonanz überwiegt und ich bei dem Treffen mit Michael Würz viele fesselnde Geschichten erzählt bekomme.

Sei es über der Pakistani Atta Ullha Virk, der während der WM 2014 zum Sternchen der Region wurde oder über den Kampf der Hundeliebhaber #imländle, die mit ihrem Einsatz einen Betrug entlarvten. Nicht zu vergessen die Polizeireform, über die Michael Würz kritisch berichtete und dabei landesweit bei den Beamten auf offene Ohren stieß.

Ein Meilenstein des Lokaljournalismus setzt der ZAK bei der Flüchtlingsdebatte. Mit der LEA Meßstetten wird die Zeitung als eine der ersten mit dem heiß diskutierten Thema konfrontiert. Michael Würz begleitet es kontinuierlich, macht im Netz immer wieder die Arbeit der Zeitungsleute transparent. Unter anderem dafür wird er von der Jury des renommierten medium magazin unter die Journalisten des Jahres 2015 gewählt.

Alles ist eine Story wert

Nach über zwei Stunden sind wir fertig mit unserem Interviewtermin. Am Ende bin ich mit Herrn Würz und seiner Crew jedoch noch lange nicht. Alles ist wichtig, nichts zum Weglassen und  ich bin mir sicher: Jede Anekdote ist eine eigene Story #imländle wert.

Wie ist es, wenn der Shitstorm einen persönlich trifft? Was konnten die Online-Redakteure #imländle und bundesweit mit ihrer Arbeit bewegen? Warum wird ein Fan zum Sternchen der Region und unsere Lokalzeitung zum bundesweiten Vorreiter in der Flüchtlingsdebatte? Und wie fühlt sich der Titel „Journalisten des Jahres 2015“ überhaupt an?

All das durfte ich für uns erfahren. Ich freue mich darauf die spannenden ZAK-Geschichten in naher Zukunft mit Euch zu teilen.

copyright Bildmaterial: Zollern-Alb-Kurier

 

Mehr #imländle

TV Redakteurin #imländle gestrandet

 

 

0 Comments

  1. Silke Anja AlbernIch

    27th Apr 2016 - 17:28

    Der rasende Mike 🙂 Und mein Monsieur hat Euch beim (geschäftlichen) Date erwischt…

    • imlaendle

      27th Apr 2016 - 17:50

      Und ich hab nix bemerkt 😉

  2. Ein Mensch der Möbel und Mut macht – #imländle

    6th Mai 2016 - 17:02

    […] Die verrückte Welt der Online-Redakteure […]

  3. Shitstorm – #imländle

    14th Jun 2016 - 10:27

    […] Die verrückte Welt der Online-Redakteure […]

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