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Jan Snela „Milchgesicht ein Bestiarium der Liebe“

Jan Snela „Milchgesicht ein Bestiarium der Liebe“

Literatur & Poem  I Anne Retter I Albstadt
Jan Snela lebt und arbeitet im Ländle: Mit seinem Erzählband „Milchgesicht – Ein Bestiarium der Liebe“, legt er nun sein Erstlingswerk vor. Anfang März lud der Kulturverein Tal Gang Art e.V. Jan zu einer Lesung ins Cafe Lenau ein. Anne Retter, freie Journalistin und Texterin, erlebt an jenem Abend die Kunst seiner Wortakrobatik. Sie lässt uns an ihrer Begegnung mit Jan Snela teilhaben, schenkt uns ein spannendes Interview sowie eine Rezension zu seinem Buch. »Er liest sich wie ein mitfließen in einem Fluss, inklusive der Steine und Felsen«, sagt sie und taucht mit uns in die Welt eines erstklassigen Schriftstellers ein.

Er ist 1980 geboren und feiert nun, mit 36 Jahren, sein Debüt: Jan Snela, Autor des Erzählbandes „Milchgesicht – Ein Bestiarium der Liebe“. Snela hat nach seinem Zivildienst in Frankreich und einem längeren Aufenthalt in Polen Komparatistik, Slavistik und Rhetorik in München und Tübingen studiert, sowie literarisches Schreiben am Studio Literatur und Theater Tübingen. 2010 gewann er den Wettbewerb „Open Mike“, 2014 war er Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg. Er lebt und arbeitet nach wie vor in Tübingen und Stuttgart.

„Milchgesicht – ein Bestiarium der Liebe“ ist dein erstes Buch. Was hat es alles gebraucht um es zu erschaffen und wie lange hast du daran geschrieben?

Zuerst ein paar Ideen, die mir verfolgenswert erschienen, dann ziemlich viel Sitzfleisch. Effektiv geschrieben habe ich an dem Buch drei, vier Jahre.

Der Duden definiert ein Milchgesicht als „zartes, blasses Gesicht“. Allerdings erst an zweiter Stelle: „(leicht abwertend) junger, unerfahrener Mann“ steht dort als Erstes in der Bedeutungsübersicht. Wie kam der Titel zustande, was bedeutet er für dich?

In diesem Fall bin ich einem Vorschlag gefolgt. Vorher stand über demselben Text – der die Titelgeschichte darstellt – eine Kaskade miteinander rangelnder Titel. Zu seiner Bedeutung vielleicht so viel: Wenn man den Text liest, merkt man wahrscheinlich recht schnell, dass es, wenn auch um ein „Milchgesicht“, so noch viel mehr um „Gesichte“ geht, die mit einem Milchkauf im Zusammenhang stehen. Insofern rekurriert der Titel auch auf etwas Gespenstisches, das „Traumwandlerische“ der Geschichte, aber die von dir genannten Konnotationen sind natürlich nichtsdestotrotz mögliche Charakterisierungen der Erzähler-Figur.

Konntest du dir als Sieger des renommierten Open-Mike und künstlerischer Stipendiat aussuchen, mit welchem Verlag du zusammenarbeiten möchtest? Warum fiel deine Wahl auf Klett-Cotta?

Der Open Mike bedeutet für die meisten Teilnehmenden den ersten Kontakt zu Lektoren teils großer Verlage. Man muss ihn gar nicht gewonnen haben, um wichtige erste Verbindungen in den sogenannten „Literaturbetrieb“ zu knüpfen. In meinem Fall waren die Teilnahme und der Gewinn zwar sehr anspornend für die Arbeit an meinen Texten – auch weil diese von da an erstmals mit einer konkreteren Perspektive ihrer Veröffentlichung einherging – aber für die Verlagsfindung nicht entscheidend.

An Klett-Cotta bin ich über eine persönliche Empfehlung geraten, der ich glücklicherweise gefolgt bin. Ich fühle mich dort – sowohl was das Verlagsprofil als auch die ganz praktische Zusammenarbeit betrifft – sehr gut aufgehoben.

Warum schreibst du und seit wann? Vielleicht auch: Für wen?

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage…
Nach der Fertigstellung eines bestimmten Texts, bin ich, was das Warum betrifft, sicherlich immer ein wenig schlauer, weiß aber nicht inwiefern. Dasselbe gilt für die Frage, für wen ich schreibe. Es ist so, als ob ich diejenigen, für die ich schreibe, während des Schreibens – in einem allerdings nie abgeschlossenen Geschehen – erst kennenlernte. Wäre es anders, würde ich es höchstwahrscheinlich nicht tun.

Wie sieht dein Schaffensprozess aus?

Oft ist da eine Grundidee im Sinne einer „Eingebung“. Dieser folge ich dann erst einmal eine Weile lang sozusagen improvisierend, ohne mich viel um Hintergründe, recherchierbare Details etc. zu kümmern. Dann folgt meistens eine längere konzeptuelle Phase, in der ich den „Stoff“ zu fassen zu bekommen versuche, Material zusammentrage. Das ist die zähe Phase. Sobald sich daraus ein konsistenterer Ton ergeben hat, konkrete Figuren da sind, beginnt der Text sich meistens selbst zu folgen.

Das ist wie gesagt oft, aber nicht immer ungefähr so der Fall, und wahrscheinlich geht in Wirklichkeit alles viel durchmischter vor sich und lässt sich so schematisch allenfalls annäherungsweise beschreiben. Ein ganz wesentliches Moment fürs Schreiben ist bei mir durch alle beschriebenen „Phasen“ hindurch ein Spielerisches.

Rezension „Milchgesicht – ein Bestiarium der Liebe“

Jan Snela: Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe.
Klett-Cotta. Stuttgart, 2016
ISBN: 978-3-6088-98307-4
Hardcover, 181 Seiten
Weißer Papiereinband mit perlmuttfarbenem Aufdruck
Schutzumschlag: „Jungfrau mit Einhorn“, Domenico Zampieri
Ein viel gelobtes Erstlingswerk

Die Alte. So heißt eine von Snelas Protagonistinnen, oder eben auch nicht, denn im Bestiarium der Liebe haben nur Dinge einen Namen. Der Trolley „Tronk“ beispielsweise, oder der Schrank „Melchior“. Die Personen hingegen werden mit „Das Kind“ oder „Der Lehrling“ oder eben „Das Milchgesicht“ bezeichnet. Letzterer trägt ein Einhorn auf seiner Stirn, genauer, eine Schraube im Stirnband, und galoppiert durch die Nacht – heim von der Tankstelle mit 17 Litern Milch auf dem Arm …

Die lyrische Prosa des Autors zeichnet sich neben sprachlicher Finesse und Originalität durch eine Vorliebe für schräge, teils unwahrscheinliche Charaktere aus, denen er in langgezogenen Momentaufnahmen ganz nah rückt – bis auf die Haut, aber nicht weiter. Der Leser beobachtet die Äußerlichkeiten, das empirisch Fassbare durch Snelas Sucher – das Darunter ist erschließbar, aber nicht auserzählt. Verwandlungen machen sie durch, die Figuren, mal in gravierenden Akten, mal ganz behutsam entwickelt sich das irgendwie bestialische aus ihnen heraus oder in sie hinein.

Jan Snela hat eine ganz eigene Sprache – verschachtelt, poetisch, voller Neologismen und ausgefallener Kombinationen. Sie ist bildhaft, fordert dem Leser dennoch Konzentration und Durchhaltevermögen ab. Es geht erst in zweiter Linie um den Inhalt: Das Leitmedium ist die Sprache selbst. Sie ist das Material des Autors, er folgt der Melodie, der Logik von allgegenwärtiger Alliteration und rhetorischem Reim in dogmatischer Weise. Das gelingt Snela auf stets überraschende Art.

Obwohl intertextuelle Verweise in seine Handwerkskiste gehören, er Anleihe nimmt bei Thomas Kling, Franz Kafka und Robert Walser und von sich selbst sagt, die Beuyssche Herangehensweise der Fügung von Materialien spreche ihn sehr an, können seine Texte auch ohne entsprechendes Hintergrundwissen rezipiert werden. Spielerisch, um ihrer selbst willen.

Snelas Erzählweise ist akademisch geprägt und stellt einen gewissen intellektuellen Anspruch an das Publikum. Der Erzählband eignet sich für Leser die Freude an ausgefeilten Sprachspielen haben, sich begeistern können für Irrwitziges und Fremdbezüge, für kunstfertiges Schreiberhandwerk. Wer auf der Suche nach aufregenden Geschichten mit viel Handlung ist, unprätentiösem Schreibstil oder leicht zugänglichen Inhalten sollte besser die Finger davon lassen. Alle Fans des Außergewöhnlichen, Skurrilen und Künstlerischen sind mit dem „Milchgesicht“ hingegen gut bedient.

 

 

Das Buch findet ihr hier. Mehr über Anne und ihre Liebe zum Schreiben erfahrt ihr unter: www.rettetexter.de
Interview und Rezension, Copyright Bildmaterial Anne Retter

0 Comments

  1. #imländle Kolumnistin Anne Retter – #imländle

    19th Mrz 2016 - 17:12

    […] der gemeinsamen Bearbeitung des Jan-Snela-Beitrages überrascht Anne mich mit der Idee, regelmäßig für den Blog zu schreiben. Eine exklusive Kolumne […]

  2. Schulen und ein Krankenhaus für Nepals Erdbebengebiet – #imländle

    25th Apr 2016 - 11:49

    […] Jan Snela “Milchgesicht ein Bestiarium der Liebe” […]

  3. Schriftstellerin Ursula Schmid zu Gast #imländle – #imländle

    25th Mai 2016 - 10:16

    […] Jan Snela […]

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