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Ich flirte nicht. Ich bin verliebt.

Viele von uns kennen die La Pergola in Balingen. Das sizilianische Restaurant mit dem stilvollen Ambiente ist gut besucht, oft ausgebucht und für seine gehobene italienische Küche im ganzen Ländle bekannt. Da es mich ab und zu dorthin verschlägt, das Saltimbocca unverschämt lecker schmeckt und der Inhaber #imländle recht bekannt ist, bin ich neugierig. Ich will hinter die Kulissen schauen, wissen, wie er wirklich ist.

Santo Di Prima. Vater von zwei Kindern, Inhaber der La Pergola und Vollblutgastronom. Einen Interviewtermin bei ihm zu ergattern erweist sich als äußerst schwierig. Die Zeit ist knapp, der Laden läuft. Es sei ihm gegönnt.

Viele lieben ihn, einige hassen ihn und manche kennen ihn gar nicht. Ich bin gespannt, wie ich den bunten Hund erlebe.

Wir tauchen in sein Leben ein

An einem Dienstagabend darf ich dann. Wir setzen uns an einen der Tische, nahe am Tresen. Ich packe mein Notebook und das Notizbuch aus, bestelle einen Espresso und tauche mit Santo in sein Leben ein.

Die Reise beginnt in Sizilien, der Heimat der Familie Di Prima. Lange bleiben wir nicht dort. In den Sechzigern verlassen Santos Eltern, Antonietta und Pietro, Süditalien. Während sich Antoniettas Brüder mit Barjobs in Mailand durchschlagen, entscheidet sich Pietro, nach Deutschland auszuwandern. Wenn er seine geliebte Heimat verlässt, dann bitte als echter Ausländer und in einem fremden Land. Die Di Primas wandern richtig und nach Deutschland ins schwäbische Wendlingen aus. Während Pietro als Gastarbeiter in einer Fabrik arbeitet, bringt Antonietta Sohn Santo und acht Jahre später Tochter Maria auf die Welt.

1976 will Pietro den Schritt in die Selbstständigkeit wagen und sich den Traum vom eigenen Restaurant erfüllen. Er pachtet einen Lebensmittelladen in Balingen und organisiert den Umbau für die La Pergola. Als er seinem Chef von seinen Plänen erzählt, verweigert der ihm kurzerhand die Kündigung. Eine Selbstständigkeit muss gut durchdacht sein, so einfach geht das nicht. Pietro soll sich gefälligst krankschreiben lassen und den Umbau nebenher über die Bühne bringen. Erst als sicher ist, dass er von der Selbstständigkeit leben kann, darf der Sizilianer kündigen.

Als der Erfolg gesichert und die schwäbische Gründlichkeit des damaligen Chefs zufriedengestellt ist, ziehen die Di Primas mit Sack und Pack nach Balingen

Sohn Santo erlebt den Umzug wie einen Albtraum. Mit seinen vierzehn Jahren, mitten in der Pubertät, muss er alle Zelte abbrechen und auf der Schwäbischen Alb neue aufbauen. Jeder von uns, der sich an die hochsensible Jugendzeit erinnern kann, wird im Ansatz erahnen können, was das bedeutet. Der Junge braucht eine Weile, bis er sich von dem Schock erholt hat und sich #imländle einlebt. Trotz allem findet er rasch Anschluss und neue Freunde, die ihm übrigens bis heute treu geblieben sind. Nach und nach lernt Santo seine neue Heimat kennen und lieben. Auch wenn er nicht viel Freizeit hat. Samstags ins Kino gehen, geschweige denn um die Häuser ziehen, kennt er nicht. Santo arbeitet im Familienbetrieb mit. Das ist für den Sizilianer normal und gut so.

Santo möchte auf keinen Fall Gastronom werden

Trotzdem ist klar, dass er auf keinen Fall Gastronom werden will. Papa Pietro lässt nicht locker und gibt sich erst zufrieden, als sein Sohn Bewerbungen schreibt. Santo bewirbt sich zwar, verfolgt dabei aber einen ausgeklügelten Plan. Er schickt seine Vita an die abgefahrensten Hotels und ist sich sicher: Die Hippen werden nicht so doof sein und ihm einen Ausbildungsplatz anbieten. Sein Leichtsinn hat fatale Folgen. Einige von denen sind tatsächlich strohdumm und sagen zu. Santo ist bitter enttäuscht über seinen Erfolg. Heimlich lehnt er alle Zusagen ab und beginnt mit einundzwanzig Jahren eine Ausbildung zum Speditionskaufmann. Er will sich beweisen, dass er fähig ist, die Schulbank zu drücken und etwas zu Ende zu bringen. Den Abschluss schafft er drei Jahre später mit Bravour.

Er taucht in die Welt der Großstadt ab und geht unter

Santo will mehr von der Welt sehen. Er packt die Koffer, zieht nach München und heuert bei einer Speditionsfirma an. Dort übernimmt er den Import und Export von italienischen Lebensmitteln, taucht in die Welt der Großstadt ab und geht dabei sang- und klanglos unter. Seinen Kindheitstraum vom Rockstarleben lebt er in der Partyszene der Münchner Schickeria in vollen Zügen aus. Wenn, dann richtig, denkt er sich. Für diesen Lebenswandel reicht sein Gehalt bei Gott nicht aus und Papa Pietro muss immer wieder aushelfen. Nach fünf Monaten bricht Santo das Schickeria-Leben schließlich ab und kehrt nach Balingen ins elterliche Restaurant und auf den Boden zurück.

1998 übernimmt Santo die La Pergola

Auch wenn die Zusammenarbeit mit Mama und Papa nicht immer einfach ist, eines hat er gelernt: Ohne will er nicht mehr. 1998 übernimmt Santo Di Prima die La Pergola von seinem Papa und ist bis heute mit Leib und Seele am Werk.
Je länger ich ihm zuhöre, desto deutlicher spüre ich die sizilianische Leidenschaft, die sich mit der Familie Di Prima in Balingen niedergelassen hat. Der Familiensinn wird hier gelebt. Gemeinsam anzupacken und sich aus der Patsche zu helfen ist so selbstverständlich wie die Tatsache, dass man Mama nicht lange allein lässt.

Und warum, meinst du, polarisierst du?

Aufrichtig und mit einem Hauch von Wehmut erzählt Santo von seinem verstorbenen Vater,  seinem eigenem Leben und der Geschichte, die hinter der La Pergola steckt. Nachdem er mir ein bisserl ans Herz gewachsen und etwas vertrauter ist, traue ich mich zu fragen: Und warum, meinst du, polarisierst du?

Dem Blick standhalten und tief durchatmen. Mal schauen, wie er reagiert. Ich greife nach meinem Espresso, nehme einen Schluck, blinzle, atme und warte. Nicht lange. Santo plappert los. Überrascht scheint er nicht und ich könnte wetten, dass er sich selbst schon öfter Gedanken darüber gemacht hat. „Petra, ich bin nicht arrogant. Selbst wenn der Laden leer wäre, würde ich sagen, was ich fühle. Ich krieche niemandem in den Arsch. Die Menschen, die mich ein wenig kennen, wissen das. Ich bin authentisch, ein bisschen rebellisch und meistens – aber nicht immer – gut gelaunt. Was soll ich sagen? Ich bin Mensch.“

Ich nippe an meinem Wasser. Santo fragt mich, ob ich noch etwas trinken oder essen will. Nein, mag ich nicht. Jetzt will ich zuhören und der bunte Hund soll weiterreden. Tut er auch.

Ich flirte nicht. Ich bin verliebt.

„Ich flirte nicht. Ich bin fundamental verliebt in das, was ich mache. Bin mehr Emotionssau als Geschäftsmann und vor allem echt.“ Santo lächelt und ergänzt leise: „Ich liebe wirklich, was ich tue.“
„Warum?“ frage ich.
„Schau dich um. Das Ambiente. Die Gäste machen sich schick, riechen gut, freuen sich und wollen leckere Sachen von mir. Stell dir vor, ich wäre Arzt oder Anwalt geworden. Selbst in einer Boutique ist es nicht immer einfach, wenn eine Hose mal nicht passt.“

Wir kichern und ich finde, er hat recht. Dann wird er ernst. „Ich weiß um meinen Ruf. Manchmal bediene ich ihn absichtlich. Wenn es mir mal nicht so gut geht, werde ich gefragt, ob ich schlechte Laune habe. Manchmal spiele ich mit und manchmal finde ich es blöd. Ob ich gute Laune hab, hat noch keiner gefragt.“

Wenn ich ihm in die Augen schaue, sehe ich einen Mann, der das Glück hat, das tun zu dürfen, was er liebt. Das macht er, genau so, wie er ist. Ich glaube Santo, was er sagt, und ja, ich mag ihn aufrichtig gern.

0 Comments

  1. Äffle & Pferdle und der Heiko – #imländle

    21st Jul 2016 - 11:30

    […] Ich flirte nicht. Ich bin verliebt. […]

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