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VHS-After-Work-Cooking

Zu meinem 35. Geburtstag bekomme ich von Mutti ein ganz besonderes Geschenk: einen Kochkurs. Von der anfänglichen Zornattacke bis zu neu entdeckten, ungeahnten Kochkünsten durchlebe ich Höhen und Tiefen.

Meine Schwester hat Anfang November Geburtstag, ich Ende Oktober. Wir sind zwei Herbstkinder, beide über dreißig. 2015 lässt sich unsere Mutter etwas Besonderes einfallen.

Zum Geburtstag gibt’s eine Überraschung.

Schon im August ruft sie an und erklärt, dass wir zu unseren Ehrentagen kein Geschenk, sondern eine Überraschung bekommen. Den 18. November müssen wir uns freihalten.Ich werde das Gefühl nicht los, dass Mama Angst um unser gemeinsames Date hat. Auffällig oft erinnert sie mich und meine Schwester daran. Persönlich, telefonisch und per WhatsApp wird die Reminder-Funktion auf allen Kanälen ausgekostet. Sie möchte sichergehen, dass wir unseren Termin nicht vergessen, sagt oder schreibt sie. Ich schmunzle. Mutti zweifelt an unserer Zuverlässigkeit. Manche Dinge ändern sich nie.

Plötzlich ist November und ich warte darauf, dass Mama mich abholt.

Plötzlich ist November. An dem besagten Abend bin ich platt. Im Büro einen A… voll Arbeit, viel zu wenig fertig gebracht. Hundemüde und vor allem eines: hungrig. Ich vertraue auf ihren Urinstinkt. Egal wie erwachsen man ist, Mamas wissen, wann ihre Kinder etwas zu essen brauchen. Bestimmt hat sie im Lang reserviert. Ich sehe mich faul am Tisch sitzen, knuspriges Züricher Leckerli essen und schweren Rotwein trinken. Freue mich auf leichte Gespräche und einen erholsamen Abend. Viel Zeit habe ich für meine Träumerei nicht. Mama kommt mich abholen. Sie ist pünktlich, wie immer.

Mutti streckt uns zwei knallrote Umschläge unter die Nase.

Wir fahren zu meiner Schwester. Bevor es weitergeht, streckt Mutti uns zwei knallrote Umschläge unter die Nase. Das Geheimnis ist gelüftet, mein Traum vom Züricher Leckerli gleichzeitig geplatzt. Die Reise führt uns in die Küche der VHS nach Weilstetten. Wir fahren zum After-Work-Cooking. Na, ganz toll. Wann bitte noch mal hat Frau Mutter ihren Instinkt verloren? Spürt sie nicht, dass ich erschöpft, überarbeitet und halb verhungert bin? Die Empörung fegt wie ein brodelndes Vulkanfeuer durch meinen Körper.

After-Work-Cooking. Ich könnt kotzen.

Ich will nicht meckern. Aber ganz ehrlich? Ich könnt kotzen. Da hock ich auf dem Rücksitz vom Opel Karl, vorne gackern die gutgelaunten Hühner und hinten ertrinke ich in Selbstmitleid. Niemand interessiert sich dafür. Ich liebe Essen, keine Frage. Spaß am Kochen kenne ich jedoch nicht. Ich kann es nicht. Versuche in der Küche das Beste zu geben. In erster Linie meinen Sohn gesund zu ernähren und bei Gewicht zu halten. Bin eine von denen, die heimlich HelloFresh ausprobieren. Eine von denen, die sich wundert, wenn’s Selbstgemachte lecker schmeckt. Außerdem sterbe ich vor Hunger. Wie um alles in der Welt kann ich mich jetzt bitte freuen? Kurz vor Weilstetten schaffe ich es, trotz Vulkan, meine Mundwinkel in die Waagrechte zu ziehen. Mitte dreißig und trotzig wie ein Kleinkind, denke ich, als ich aus dem Wagen steige. Meine Mum hat an alles gedacht. Tupperschüsseln für die Essensreste, Getränke zum Essen und gute Laune für unseren Frauenabend. Ich verspüre einen leichten Hauch von schlechtem Gewissen. Sie will uns einen tollen Abend schenken und ich schmolle. Das trau ich mich nur bei Mama. Ich versuche erwachsen zu sein und mein Lachen zu finden.

Die Laune wird besser. Kursleiterin Dagmar Dari macht einen guten Eindruck.

Im VHS-Zentrum geht’s mir trotz Schwächegefühl ein bisschen besser. Ganz schön was los. Kursleiterin Dagmar Dari begrüßt uns. Ich mag sie schon beim Hallosagen. Sie erinnert mich an die Hausfrauen aus den 60ern. Mit ihrer Schürze und dem schwarz-weiß gepunkteten Shirt sieht sie super aus. Bestimmt seit vierzehn Stunden auf den Füßen und strahlt immer noch wie nach dem ersten Morgenkaffee. Behutsam, aber sicher in dem, was sie tut, das ist mein erster Eindruck von ihr. Die fünfzehn Teilnehmer sind ein bunt gemischtes Völkchen aus Arbeitskollegen, Freunden und Fremden. Manche Wiederholungstäter, viele zum ersten Mal dabei. Wir Frauen sind in der Überzahl, zwei Männer haben sich in den VHS-Kurs verirrt. Als wir vollzählig sind, teilt Frau Dari uns in Gruppen und vier Küchen auf. Jede Gruppe kocht drei Gerichte. Ich bin mit meiner Sippe in einer Küche, es kommt kein Fremder dazu. Freue mich. Kann ich mich weiterhin und mühelos gehen lassen. Wobei meine Laune ungewollt besser wird. Dann geht’s los. Wir schnipseln Gemüse, brutzeln Krabben und spülen nebenher. Ich arbeite mit Profis und koche das erste Mal in meinem Leben gemeinsam mit Mama und Schwester in einer Küche. Dagmar Dari huscht derweil um die Töpfe und durch die Gänge, gibt Tipps, klärt auf und lässt mich spüren, wie tief die Liebe zum Kochen sein kann.

Frau Dari ist ein Ass.

Ich berichtige meinen ersten Eindruck: Sie ist ein ASS im Umgang mit Lebensmitteln und Köchin aus Leidenschaft. Das erste Gericht ist in allen drei Gruppen zackig fertig. Ich bin heilfroh, dass ich dem Hungertod entkommen konnte. Das ist gut.

Wir setzen uns an den gedeckten Tisch in dem tristen Speisesaal und schöpfen das Selbstgekochte. Der Feldsalat mit Avocado, Flusskrebsen und Garnelen schmeckt besonders gut.

Peter, ein Herr mittleren Alters, packt ein Fläschchen Rotwein aus seinem Rucksack. „Emotion“ heißt der französische Tropfen. Ich schmunzle. Mit seinem roten Karohemd und der schwarzen Männerschürze hätte ich auf ein Weizen gewettet. Rein optisch wäre Peter der perfekte Grillmeister bei einem Weber-Seminar. So täuscht man sich. Seine zwei Arbeitskolleginnen, die ihm gegenübersitzen, kichern und prosten ihm mit ihrem stillen Wässerchen zu. Alle drei sind Wiederholungstäter, wie ich erfahre. Nach der Arbeit gönnen sie sich in unregelmäßigen Abständen ein gemeinsames After-Work-Cooking. Die Idee gefällt mir.

Nachdem wir gegessen haben, räumen wir ab und kochen weiter. Gruppe eins kocht Risotto. Besonders wichtig ist das unermüdliche Rühren, sagt Frau Dari. Sonst läuft man Gefahr, dass der Reis ansetzt.

Wie froh die zwei Mädels scheinen, als sich der zweite Herr, ein junger Typ, zu ihrer Gruppe gesellt. Wann immer ich rüberschaue, rührt der Knabe. Delegieren ist das A und O. Eine Eigenschaft, die wir Frauen mit Bravour beherrschen. Wieder muss ich lachen. Mittlerweile habe ich aufrichtig Spaß.

Wir kochen und genießen in lockerer Runde und entspannter Atmosphäre:

  • Frühlingsrisotto
  • Kürbissuppe mit Ingwer und Kokosmilch
  • Bandnudeln mit Lauch
  • Penne mit Gorgonzola und Spinat
  • Sanft gegarter Lachs auf Gemüse und Orangen-Weißwein-Sauce
  • Hähnchenbrustfilet mit Zuckerschoten
  • Tagliatelle mit gemischten Pilzen
  • Feldsalat mit Avocado, Flusskrebsen und Garnelen (das Rezept findet ihr weiter unten zum Nachkochen)

Nach knapp drei Stunden hat der Spuk ein Ende und ich bin glückselig. Nicht weil der Kurs vorbei ist, sondern weil er toll war. Unsere Tupperschüsseln sind randvoll, ich bin pappsatt. Dank Frau Dari haben sich meine Kochkünste schlagartig gewaltig verbessert. Die Rezepte sind einfach, leicht nachzukochen und schmackhaft. Im Speisesaal wünsche ich mir etwas mehr Atmosphäre. Ein paar Teelichter, leise Chill-out-Musik und gedämmtes Licht bewirken wahre Wunder.

Ich würde es wieder tun.

Was ich selbst kaum glaube, aber dennoch der Wahrheit entspricht: Selbst ich, ein bekennender Kochmuffel, würde es wieder tun und noch mal mitmachen. Der Gesamteindruck des Kochkurses ist durchweg positiv. Das VHS-After-Work-Cooking mit Freunden, Familie oder Arbeitskollegen ist ein kulinarisches Erlebnis, eine Abwechslung zum Sofaabend-Alltag und lehrreich obendrein. Ein dickes Lob an Frau Dari und die VHS. Warum ich anfangs leicht mürrisch war? Das weiß ich doch nicht mehr.

 

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0 Comments

  1. Mit Miri nach Mailand – #imländle

    10th Okt 2016 - 12:11

    […] VHS After-Work-Cooking Erfahrungsbericht […]

  2. Hobbycheck Geocaching – #imländle

    10th Dez 2016 - 16:16

    […] VHS After-Work-Cooking Erfahrungsbericht […]

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